26 Sch’mini – “Achter”
Sch’mini
3. Mose 9,1-11,47
1. Samuel 20,18-42; Matthäus 3,11-17
Plötzlich war es still. Alle Augen waren erwartungsvoll auf mich gerichtet. Ich sah, wie sich Falten auf den Stirnen einiger Gesichter legten. Ich nahm ungläubige und misstrauische Blicke wahr. Leises Gemurmel setzte ein und wurde zunehmend lauter.
Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte und immer heftiger gegen meine Schläfen pochte. Was war passiert? Hatte ich etwas falsch gemacht?
Als Nadab, Abihu, Itamar, Eliezer und ich vor einer Woche in die Stiftshütte gingen, wurden wir von Mose mit einer großen Zeremonie als Priester geheiligt. Er hatte uns aufgetragen, das Zelt sieben Tage lang nicht zu verlassen. Daran hatten wir uns alle gehalten.
Dann kam der achte Tag. Er sollte den Beginn einer neuen Ära einläuten, sagte Mose. An diesem Tag sollte die Stiftshütte vollständig in Betrieb genommen werden.
Mose hatte dafür eine umfangreiche Liturgie von Gott erhalten. Tagelang hatten wir den Ablauf geübt. Wir prägten uns ein, in welcher Reihenfolge die Opfer dargebracht werden sollten. Außerdem unterschied sich die Darbringung von den normalen Opfern etwas. Also lernten wir die Abläufe. Jeder von uns war bestens vorbereitet und kannte seine Aufgaben.
Am Morgen des achten Tages füllte sich der Vorplatz der Stiftshütte schnell. Die Menschen waren aufgeregt und wollten wissen, was passieren würde. Viele rechneten damit, dass Gott sich offenbaren würde. Einige glaubten, dass Feuer vom Himmel fallen würde.
Offen gesagt erwartete ich das auch. Am Ende der Liturgie kam der Part, an dem ich vom Altar heruntersteigen sollte, um das Volk zu segnen. Zu diesem Zeitpunkt lagen das Brandopfer, das Sündopfer und das Friedensopfer bereits auf dem Altar. Allerdings brannten die Tierstücke dann noch nicht. Das Feuer musste von Gott kommen.
Als ich vom Altar stieg, erhob ich meine Hände und sprach den Segen, welchen ich mit einem enthusiastischen Amen beendete. Die Menge war augenblicklich still. Jeder wartete darauf, dass Gott sich zeigte.
Doch das erwartete Feuer blieb aus. Nichts geschah.
Mose kam auf mich zu.
“Komm!”, sagte er nur knapp und ergriff mich am Arm. Ich ließ ihn gewähren. Er führte mich in die Stiftshütte. Ich wollte protestieren und Mose darauf hinweisen, dass das vielleicht nicht die beste Idee war, aber er ließ sich nicht beirren.
“Was ist los mit dir?”, fragte er mich sichtlich beherrscht. “Ihr hattet doch alles geprobt. Warum hat Gott sich nicht gezeigt?”
“Das hatte ich mich auch schon gefragt”, entgegnete ich unsicher.
“Aber du musst etwas vergessen haben”, hakte Mose nach.
“Bruder, ich habe die ganze letzte Woche nichts anderes getan, als mich auf diesen Tag vorzubereiten. Ich habe jeden Handgriff verinnerlicht. Ich hätte die Opfer im Schlaf darbringen können.”
“Aaron, am Sinai damals hast du auch gesagt, ich könne mich auf dich verlassen. Als ich aber vom Berg kam, stand da eine goldene Kuh und das Volk tanzte darum.”
In diesem Moment wurde mir bewusst, dass Mose mir meinen Fehler am Berg Sinai bislang nicht vergeben hatte. Ich fühlte, dass er eifersüchtig war und mir die Sache deshalb weiterhin vorhielt.
Und mir fiel noch etwas auf. Die Herrlichkeit Gottes war nicht in der Stiftshütte.
“Mose”, sagte ich.”ich glaube, wir beide haben da etwas miteinander zu klären.”
Ich bat meinen Bruder nochmals um Vergebung, bekräftigte, dass ich ihn liebte und ihn immer unterstützen würde. Mose sah seinen Fehler ein. Wir legten unsere Eifersucht ab, sprachen uns aus und gingen dann gemeinsam wieder nach draußen.
Die Volksmenge starrte erwartungsvoll auf uns. Mose und ich erhoben unsere Hände, sprachen den Segen und das Feuer fiel vom Himmel.
Bildquelle: KI generiert (DALL-E)
- 36 Beha’alotcha – “Wenn du aufsetzt” - 17. Juni 2024
- #35 Nasso – “Erhebe!” - 9. Juni 2024
- Es ist Zeit weiterzuziehen - 6. Juni 2024

