Was bedeutet es, dass „die Sünde der Amoriter noch nicht ihr volles Maß erreicht hat“ (Genesis 15,16)?

Jeff Benner übersetzt den Hebräischen Text so: „und die vierte Generation wird zu
diesem Punkt zurückkehren, da die Verworfenheit/Verdrehung/Missetat (hebr.
Avon) derer aus Emor zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig ist“.
Dieser Vers kam über die Jahre immer wieder auf meinen Weg und ich habe mich
oft schon gefragt, wann denn nun das Maß der Sünde (Avon) aus YHWHs Sicht
voll ist. Gerade wenn man die heutige Situation bzw. die Verderbtheit unserer Zeit
und den moralischen Niedergang anschaut, ist es schon erstaunlich, was YHWH
„erlaubt“.
Ich habe einige Ansätze für eine Erklärung gefunden. Aber am Ende ist es vielleicht
unergründbar und ein Mysterium?
Avon: Verkehrtheit, Verderbtheit, Ungerechtigkeit, Schuld oder Strafe für
Ungerechtigkeit, die Folge verkehrter Handlungen, Verfehlung, Unheil, Sünde,
Missetat.
In Genesis 15 schließt YHWH Seinen ewigen Bund mit Abram (der später in
Abraham umbenannt wurde). YHWH bekräftigt Abram gegenüber Seine
Verheißung von Nachkommen, erweitert sie jedoch auf eine Nachkommenschaft,
die so zahlreich sein soll wie die Sterne. Elohim bekräftigt auch Sein Gelübde,
Abram das Land Kanaan für seine Nachkommen zu geben (s. 1. Mose 15,7–21).
Allerdings würden Abrams Nachkommen das Land erst in Besitz nehmen, wenn
YHWHs Zeitplan erfüllt ist.
YHWH erklärt Abram, dass sein Same, das spätere Volk Israel, bevor es Kanaan in
Besitz nehmen würde, eine lange Zeit als Fremde in einem fremden Land
(Ägypten) verbringen würde, wo es 400 Jahre lang als Sklaven unterdrückt werden
würde (s. 1. Mose 15,13). Diese von YHWH bestimmte Verzögerung würde
eintreten, weil die Missetat der Amoriter noch nicht vollendet war.
Die Amoriter waren eines der bedeutendsten Völker, die das alte Kanaan vor der
Eroberung durch die Israeliten bewohnten. Sie werden im Alten Testament häufig
als Bewohner des Landes erwähnt, das YHWH den Nachkommen Abrahams
versprochen hatte.
Der hebräische Begriff Avon, der in 1. Mose 15,16 mit Sünde oder Missetat
übersetzt wird, bezieht sich auf Bosheit, Sünde oder moralische Verdorbenheit.
Ungerechtigkeit kann Gedanken, Gefühle, Reden oder Handlungen umfassen, die
gegen YHWHs Thorah oder Seinen Charakter verstoßen oder diese missachten.
Die Amoriter hatten sich schwerwiegender Sünden und Praktiken wie
Götzendienst, Gewalt und Unzucht schuldig gemacht, die gegen YHWHs heilige
Maßstäbe verstießen. Dennoch bestrafte YHWH sie nicht sofort.
Die Bibel sagt, dass die Ungerechtigkeit der Amoriter noch nicht vollendet/komplett
war. Dies deutet darauf hin, dass die Amoriter zwar böse waren, ihre Sündhaftigkeit
jedoch noch nicht die Schwelle erreicht hatte, die für YHWHs Eingreifen durch
Gericht, Vernichtung und Vertreibung aus dem Land erforderlich war. YHWH hatte
letztendlich beschlossen, die Amoriter zu vernichten und ihr Land den
Nachkommen Abrahams zu geben, sobald ihr Maß der Sünde voll sein würde.
Deshalb sagte Er Abraham, dass seine Nachkommen, denen die Verheißung
dieses Landes galt, warten müssen; der Zeitpunkt, zu dem YHWH die Amoriter
durch Gericht bestrafen würde, würde nicht zu Abrahams Lebzeiten kommen.
Die „Good News“ Übersetzung interpretiert die Bedeutung von YHWHs Botschaft
an Abraham folgendermaßen: „Es werden vier Generationen vergehen, bevor
deine Nachkommen hierher zurückkehren, denn ich werde die Amoriter nicht
vertreiben, bis sie so gottlos geworden sind, dass sie bestraft werden müssen.“
YHWH erkannte die Gottlosigkeit der Amoriter, wartete jedoch, bis ihre
Sündhaftigkeit ihr volles Maß erreicht hatte, bevor er die göttliche Strafe
vollstreckte.
Zeigt YHWH damit seine Geduld und Gerechtigkeit? Er handelt nicht impulsiv,
sondern gibt den Menschen Zeit, Buße zu tun, oder wartet, bis ihre Sünden einen
Punkt erreichen, an dem Gericht und Strafe notwendig sind.
YHWH gab den Amoritern Zeit, ihre Wege zu ändern, bzw. wartete, bis ihre Taten
ein Ausmaß an Bosheit erreicht hatten, das es rechtfertigte, sie aus dem Land zu
vertreiben. Heißt das, dass Er vier Generationen lang wartete und ihnen Seine
Gnade anbot und damit den Amoritern praktisch keine Entschuldigung mehr ließ?
Die Missetat der Amoriter erreichte schließlich ihr volles Maß, wobei 3. Mose 18
einen detaillierten Bericht über ihre abscheulichen sexuellen Praktiken und
Kinderopfer liefert. YHWH warnte in diesem Kontext Israel:
Ihr sollt euch durch all diese Dinge nicht verunreinigen. Denn durch das alles haben
sich die Heiden verunreinigt, die ich vor euch her austreibe, und dadurch ist das
Land verunreinigt worden, und ich suchte ihre Schuld an ihm heim, so dass das
Land seine Einwohner ausspeit. Ihr aber sollt meine Satzungen und
Rechtsbestimmungen halten und keinen dieser Greuel verüben, weder der
Einheimische noch der Fremdling, der in eurer Mitte wohnt – denn alle diese Greuel
haben die Leute dieses Landes getan, die vor euch waren, so dass das Land
verunreinigt worden ist –, damit euch nun das Land nicht ausspeie, wenn ihr es
verunreinigt, wie es die Heiden ausgespieen hat, die vor euch gewesen sind. (3.
Mose 18,24–28)
YHWH ließ seine Behandlung der Amoriter zu einer Lehre für Israel werden.
YHWHs Volk würde das Land erst nach Seinem Zeitplan und Seiner Absicht in
Besitz nehmen. Zunächst würde YHWH im Umgang mit der Sünde Geduld zeigen.
Sobald jedoch die Ungerechtigkeit der Amoriter vollendet war – sobald ihre Sünde
das volle Maß erreicht hatte, das YHWHs Gericht verdiente –, würde Er sie aus
dem Land vertreiben. YHWHs Gericht ist wohlüberlegt und zielgerichtet; Er zieht
jede Nation und jedes Volk moralisch für seine Taten zur Rechenschaft. Der
Apostel Petrus erinnert uns bis heute daran:
YHWH zögert nicht die Verheißung hinaus, wie etliche es für ein Hinauszögern
halten, sondern er ist langmütig gegen uns, weil er nicht will, dass jemand
verlorengehe, sondern dass jedermann Raum zur Buße habe. (2. Petrus 3,9)
Bedeutet also die Tatsache, dass „die Ungerechtigkeit der Amoriter noch nicht
vollendet war“, dass YHWH darauf wartete, dass die Sündhaftigkeit der Amoriter
das Gericht und die Vertreibung aus dem Land rechtfertigte? Oder unterstreicht
diese Aussage YHWHs vielmehr Seine Geduld und Seine Ernsthaftigkeit, mit der
Er moralische Verderbtheit betrachtet, und ist es somit auch ein Bekenntnis zur
Gerechtigkeit im Umgang mit Menschen und Völkern?
Hier ein Ansatz von Matthew Henry zu 1. Mose 15,12-16
Und es geschah, als die Sonne anfing sich zu neigen, da fiel ein tiefer Schlaf auf
Abram, und siehe, Schrecken und große Finsternis überfielen ihn. Da sprach Er zu
Abram: Du sollst mit Gewissheit wissen, dass dein Same ein Fremdling sein wird in
einem Land, das ihm nicht gehört; und man wird sie dort zu Knechten machen und
demütigen 400 Jahre lang. Aber auch das Volk, dem sie dienen müssen, will ich
richten; und danach sollen sie mit großer Habe ausziehen. Und du sollst in Frieden
zu deinen Vätern eingehen und in gutem Alter begraben werden. Sie aber sollen in
der vierten Generation wieder hierherkommen; denn das Maß der Sünden der
Amoriter ist noch nicht voll.
Ein tiefer Schlaf fiel auf Abram; mit diesem Schlaf überkam ihn ein Schrecken
großer Finsternis: eine plötzliche Wende. Die Kinder des Lichts wandeln nicht
immer im Licht. Es wurden damals mehrere Dinge vorhergesagt.
Der leidvolle Zustand von Abrams Nachkommen über lange Zeit: sie werden
Fremde sein. Die Erben des Himmels sind Fremde auf Erden. Sie werden Knechte
sein. Die Kanaaniter handeln unter einem Fluch, die Hebräer dienen unter einem
Segen. Sie werden leiden. Diejenigen, die gesegnet und von YHWH geliebt sind,
werden oft von bösen Menschen schwer bedrängt.
Das Gericht über die Feinde von Abrams Nachkommen: auch wenn YHWH
zulassen mag, dass Verfolger und Unterdrücker Sein Volk eine lange Zeit mit
Füßen treten, wird Er doch am Ende gewiss mit ihnen abrechnen.
Dieses große Ereignis, die Befreiung von Abrams Nachkommen aus Ägypten, wird
hier vorhergesagt.
Der Vers 16 verherrlicht letztlich einen Elohim, der zugleich geduldig und
vollkommen gerecht ist – eine Wahrheit, die am Kreuzigungsbaum und am leeren
Grab ihren Höhepunkt findet, wo Gericht und Barmherzigkeit aufeinandertreffen.
Shalom Rivkah
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