Teil 3 – Outline der 3 Tage und Nächte und der Zeitpunkt vom Tod und der Auferstehung Jeschuas
Diese Fotos vom jährlichen Pesssachopferfest der Schomronim (Samaritaner) zeigen wie die Aufspießung der Lämmer die Kreutigung Jeschuas vorgespiegelt haben: bei der Aufspießung musste darauf geachtet werden, keine Knochen zu zerbrechen. (Fotos von Alamy)
Warum wurde Pessach zum Synonym für das ganze Fest?
Obwohl Pessach ursprünglich nur den Opferzeitpunkt am 14. Aviv bezeichnet, wurde der Begriff im späteren Sprachgebrauch zu einer Sammelbezeichnung für das gesamte Festgeschehen, einschließlich der sieben Tage der Mazzot. Diese Verschmelzung ist bereits im Zweiten Tempel und in der rabbinischen Literatur sichtbar – und ebenso im Neuen Testament, wo „Pessach“ häufig das gesamte Fest meint, obwohl die präzise Tora‑Definition eigentlich enger gefasst ist.
Gleichzeitig blieb die halachische Praxis bestehen, dass chametz bereits am 14. Aviv vollständig entfernt sein musste. Dadurch wurde dieser Tag funktional zum „ersten Tag der Mazzot“, auch wenn die Tora den 15. Aviv als offiziellen Beginn festlegt. Diese Spannung zwischen offizieller Festdefinition und gelebter Praxis erklärt, warum die Evangelien den 14. Aviv als „Tag der ungesäuerten Brote“ bezeichnen – im Bewusstsein der damaligen jüdischen Bevölkerung war er es tatsächlich so.
1. Lukas 22, 7:
„Es kam der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem das Passahlamm geschlachtet werden musste.“
Lukas identifiziert den Tag der Schlachtung — also 14. Aviv — mit dem „Tag der Ungesäuerten Brote“.
Warum sprechen die Evangelien so? Weil im Judentum des 1. Jahrhunderts folgende Praxis galt:
- am Abend vom 13. zum 14. Aviv wurde das Chametz (Gesäuerte) gesucht und entfernt;
- am Vormittag des 14. Aviv wurde alles Gesäuerte verbrannt;
- ab diesem Zeitpunkt durfte kein Chametz mehr gegessen werden;
- praktisch begann damit das mazzot‑Gebot bereits am 14. Aviv;
Die Stelle in Markus 14, 12 gehört zu den am häufigsten missverstandenen Passagen der Evangelien, weil hier ein Übersetzungsproblem vorliegt. Obwohl der Text heute in griechischer Sprache überliefert ist, müssen wir bedenken, dass alle vier Evangelien ursprünglich hebräisch verfasst wurden. Die Berichterstatter waren Muttersprachler des Hebräischen und schrieben für ein jüdisches Publikum, und die 12 Erwählten waren insbesondere zu den zwölf Stämme Israels gesandt. Erst später entstanden Übersetzungen in Griechisch und andere Sprachen. Deshalb ist es notwendig, den Text stets im jüdischen Kontext zu lesen und den logischen Menschenverstand einzuschalten. Die übliche Übersetzung
„Am ersten Tag der Ungesäuerten Brote, an dem man das Passahlamm schlachtete…“
erweckt den Eindruck, die Talmidim (Jünger) hätten erst am 14. Aviv tagsüber – also buchstäblich im letzten Moment – nach einem Raum für das Pessachmahl gefragt. Das ist historisch völlig unplausibel. Jerusalem war während Pessach überfüllt, und ein geeigneter Raum musste Tage zuvor organisiert werden. Niemand würde für eine Familienfeier oder gar eine Hochzeit erst am Tag der Veranstaltung mit den Vorbereitungen beginnen; umso weniger in einer Stadt, die während des Festes aus allen Nähten platzte. Der Fehler liegt in der mechanischen Übersetzung des griechischen Wortes protos πρώτῃ als „erster“. Protos bedeutet jedoch ebenso „zuerst“, „früh“, „im Vorfeld“ oder „zu Beginn der Vorbereitungen“, wie zahlreiche Belege aus der Septuaginta und bei Josephus zeigen. Damit beschreibt Markus nicht den ersten Festtag (15. Aviv), an dem ohnehin kein Passahlamm mehr geschlachtet wurde, sondern die beginnende Vorbereitungsphase vor dem 14. Aviv. Eine präzisere Übersetzung lautet daher:
„Zu Beginn der Vorbereitungen für das Fest der Ungesäuerten Brote, als man sich für das Pessachopfer bereitmachte, fragten die Talmidim Jeschua: ‚Wo sollen wir das Pessachmahl für dich vorbereiten?‘ “
Damit wird deutlich, dass die Anfrage der Jünger nicht am 14. oder 15. Aviv erfolgte, sondern einige Tage zuvor, im Rahmen der üblichen Festvorbereitungen.
Schauen wir uns nun den Text im Vergleich der Parallelen an:
| Mattiti’jahu 26, 17-19: | Markus 14 , 12-16: | Lukas 22, 7-13: |
| 17 Zu Beginn der [Vorbereitungen] für das ‚Fest der ungesäuerten Brote‘ – חַג הַמַּצּוֹת chag-haMazzot traten die Talmidim zu Jeschua | 12 Zu Beginn der [Vorbereitungen] für das ‚Fest der ungesäuerten Brote‘ – חַג הַמַּצּוֹת chag-haMazzot, da man sich für das Pessach-Schlachtopfer – זֶבַח הַפָּסַח sevach-haPessach vorbereitete, | 7 Weil die Zeit für das ‚Fest der ungesäuerten Brote‘ – חַג הַמַּצּוֹת chag haMazzot nahte und das Pessach – הַפָּסַח haPessach vorbereitet werden musste, |
| 8 entsandte Jeschua Kejfa (Petrus) und Jochanan (Johannes) mit genauen Anweisungen: „Macht euch auf den Weg, um das Pessachfest vorzubereiten, so daß wir es zusammen essen können.“ | ||
| und fragten: „Wo sollen wir das Pessach – פָּסַח für dich vorbereiten?“ | fragten ihn seine Talmidim: „Wo möchtest du, dass wir hingehen und Vorbereitungen dafür treffen, damit du das Pessachmahl essen kannst?“ | 9 Sie fragten ihn: „Wo möchtest du, daß wir alles vorbereiten?“ |
Auch die Parallelen aller drei Evangelisten bestätigen einander und beschreiben dieselbe Situation als Beginn der Vorbereitungen für das Fest der Ungesäuerten Brote, in dessen Rahmen das Pessachopfer vorbereitet werden musste. Die Jünger fragten jeweils, wo sie die notwendigen Vorbereitungen treffen sollten, und Jeschua gab ihnen konkrete Anweisungen. Nichts im Text deutet darauf hin, dass dies erst am Festtag selbst geschah; vielmehr sprechen alle drei Berichte von einer üblichen, rechtzeitig einsetzenden Vorbereitungsphase.
Als Nächstes stellt sich die entscheidende Frage nach der chronologischen Einordnung der Passion: An welchem Wochentag wurde Jeschua tatsächlich gekreuzigt? Untrennbar damit verbunden ist die Frage nach dem exakten Datum des 15. Aviv, jenes Festtags-Schabbats, der nur selten mit dem wöchentlichen Schabbat zusammenfällt. Ebenso zentral ist die Frage, an welchem Tag Jeschua aus den Toten auferstand. Erst wenn dieser Rahmen – die „drei Tage und drei Nächte“ – anhand der Aussagen der Evangelien präzise bestimmt ist, fügt sich das gesamte Passionsgeschehen wie ein zusammenhängendes Puzzle zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen.
1 – Jeschuas Hinrichtung und Tod
- Der Beschluss des Sanhedrin
Zunächst wenden wir uns den parallelen Berichten der Evangelien zu, die den Beschluss des Sanhedrin schildern, Jeschua heimlich festzunehmen und zu töten.
| Matthäus 26, 1-5: 1 Als Jeschua alle seine Reden beendet hatte, sprach er zu seinen Talmidim (Tora-Schüler): 2 „Ihr wißt doch, dass in zwei Tagen (12. Aviv) das Pessach beginnt. Dann wird der ‚Sohn des Menschen‘ ben-haAdam verraten und zur Kreuzigung ausgeliefert werden.“ 3 [Nach dem Vorfall auf dem Tempelberg] versammelten sich die obersten Priester, Sofrim (Schriftgelehrten) und Ratsältesten im Palast (Innenhof) des Hohepriesters – כֹּהֵן הַגָּדוֹל kohen-haGadol. Sein Name war Kajaphas (Kaiphas). 4 Gemeinsam beratschlagten sie dort miteinander, durch welchen Hinterhalt sie Jeschua gefangen nehmen und dann zu Tode bringen könnten. 5 Dabei fassten sie einen Beschluß: Dieses Vorhaben darf auf keinen Fall während des Festes [der Woche der ungesäuerten Brote] stattfinden, [weil sie befürchteten], dass es sonst zu einem Aufstand im Volk kommen könnte. | Markus 14, 1-2: 1 Zwei Tagen später sollte Pessach (das Passah) und das chag-haMazzot (Fest der ungesäuerten Brote) beginnen. Da suchten die obersten Priester und Sofrim (Schriftgelehrten), wie sie ihn mit Hinterlist ergreifen und töten könnten. 2 Dazu beschlossen sie, dass die Ergreifung nicht während !! des Festes stattfinden dürfe, damit es nicht zu einem Aufstand im Volk kommt. | Lukas 22, 1-2: 1 Es nahte das ‚Fest der ungesäuerten Brote‘ – חַג הַמַּצּוֹת chag-haMazzot, das auch Pessachfest – חַג הַפָּסַח chag-haPessach genannt wird. 2 Die Obersten Priester und Sofrim (Schriftgelehrten) suchten nach einer passenden Gelegenheit, wie sie ihn heimlich umbringen könnten: doch sie fürchteten das Volk. |
Die synoptischen Evangelien berichten übereinstimmend, dass die führenden Männer des jüdischen Volkes – Hohenpriester, Schriftgelehrte und Älteste – einen geheimen Plan fassten, Jeschua festzunehmen und zu töten. Entscheidend ist dabei ihre ausdrückliche Festlegung: Die Festnahme durfte nicht während des Festes erfolgen, um keinen Aufruhr im Volk zu provozieren. Daher musste das Vorhaben vor Beginn des Pessachfestes und unter größtmöglicher Geheimhaltung durchgeführt werden.
Zwei Tage vor Pessach herrschte in Jerusalem geschäftigste Betriebsamkeit. Hunderttausende Pilger aus Judäa, Galiläa und der Diaspora strömten in die Stadt; Häuser wurden gereinigt, Gäste vorbereitet und das chamez verbrannt. Inmitten dieses Trubels bot sich für den Sanhedrin der ideale Moment, um unbemerkt zu handeln. Eine Festnahme während des Festes wäre hingegen unmöglich gewesen, da die Mehrheit des Volkes Jeschua wohlgesinnt war und eine öffentliche Aktion sofort Widerstand ausgelöst hätte.
So erfolgte die Festnahme bewusst mitten in der Nacht, fern der Öffentlichkeit. Die nächtlichen Verhöre vor dem Sanhedrin und dem Hohepriester schlossen sich unmittelbar an. Am Morgen des 14. Aviv/Nissan, während die Stadt mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt war, konnte Jeschua schließlich unauffällig zur Hinrichtung geführt werden. Gerade diese synoptische Übereinstimmung zeigt: Die Evangelien setzen die Tötung Jeschuas nicht in die Festtage hinein, sondern machen deutlich, dass sie vor dem Fest und damit am 14. Nissan stattfinden musste.
| zu Vers 46) das Zitat stammt aus 2. Mo. 12, 46: „Das Pessach soll in einem Haus gegessen werden. Du sollst nichts von dem Fleisch aus dem Haus hinausbringen. Ihr sollt kein Bein / Knochen an ihm zerbrechen.“ = hierbei handelt es sich von den Versen 43 bis 48 um die Bestimmungen wie das Volk Israel die Pessachbestimmungen einhalten soll: dem Pessach-Schlachtopfer – זבח פסח – sewach-pessach – durfte kein Knochen (Bein) zerbrochen werden, was bedeutete, dass die Tiere im Ganzen aufgespießt wurden. | Johannes 19, 31-37: 31 Es war [noch] der Rüsttag (= Vorbereitungstag [14. Aviv]) für den erev schabbat (= der Vorabend der Schabbatruhe). Aus diesem Grunde durften die (toten) Leiber nicht über den (hohen) Schabbat (= 15. Aviv) am Kreuzespfahl – עֵץ etz (= Baum) hängen bleiben – insbesondere weil der Tag jenes Schabbats groß – גָּדוֹל gadol (= außerordentlich, hoch) war. Aus diesem Grunde erbaten die religiösen Führer von Pilatus, dass ihre Beine gebrochen werden, damit sie (dann noch rechtzeitig) abgenommen werden konnten. 32 Deswegen kamen (römische) Soldaten und brachen die Beine des ersten und des anderen, der mit Jeschua gekreuzigt war. 33 Doch als sie zu Jeschua herantraten, sahen sie, dass er bereits gestorben war. Darum brachen sie ihm die Beine nicht. 34 Aber einer der Soldaten stach ihm mit einer Lanze in seine Seite und sogleich flossen Blut und Wasser heraus. 35 Derjenige, der es mit seinen eigenen Augen gesehen hat (Jochanan), legt Zeugnis davon ab. Und seine Zeugenaussage ist glaubwürdig. Denn er sagt die Wahrheit über das, was er gesehen hat. Daher könnt ihr ihm glauben. 36 Dies hat sich zugetragen, damit die Schrift in Erfüllung geht: ‚Kein Bein an ihm soll zerbrochen werden.‘ – 2. Mo. 12, 46; Ps. 34, 21; וְעֶצֶם לֹא-תִשְׁבְּרוּ בוֹ:(שמות יב’ מו’//במדבר ט’ יב’//תהילים לד’ כא’)36 37 Und eine andere Schriftstelle sagt aus: ‚Sie werden den anschauen, den sie durchstochen haben.‘ – Sech. 12, 10; וְהִבִּטוּ אֵלָיו אֵת אֲשֶׁר-דָּקָרוּ:(זכריה יב’ י’) |
b) der Beweis vom Tod Jeschuas
In der Passage Jh. 19, 31–37 wird unmissverständlich deutlich, dass Kreuzigung und Tod Jeschuas am Vorbereitungstag für den unmittelbar folgenden Festtagsschabbat eintraten. Die römischen Soldaten erhielten von Pilatus den Befehl, den Tod der Gekreuzigten zu beschleunigen, damit ihre Leichname noch vor Einbruch der Nacht – also vor Beginn des Schabbats – abgenommen werden konnten. Da das Abnehmen der Körper als Arbeit galt und am Schabbat verboten war, sollten den Gekreuzigten die Beine gebrochen werden, um den Erstickungstod rasch herbeizuführen. Bei Jeschua jedoch war dies nicht mehr nötig, da er bereits gestorben war. So blieb sein Körper unversehrt, und gerade dadurch erfüllte sich das Gebot über das Pessachlamm aus 2. Mose 12, 46:
„Ihr sollt ihm keinen Knochen zerbrechen.“
Johannes weist zudem ausdrücklich darauf hin, dass jener Schabbat ein „großer“ Schabbat war. Diese Formulierung dient als Hinweis dazu, den Unterschied zwischen dem gewöhnlichen wöchentlichen Schabbat und dem Festschabbat des 15. Nissan hervorzuheben – einem Schabbat, der unabhängig vom Wochentag stets auf den ersten Tag des Festes fällt und daher als besonders hervorgehoben wird. Das hebräische gadol lässt sich hier am besten mit „außerordentlich“ oder „herausgehoben“ wiedergeben.
Gerade weil die Vorbereitungen für den Festschabbat wesentlich umfangreicher waren als für einen regulären Wochenschabbat, betonen alle Evangelien den Rüsttag, den man im Deutschen treffender als „Vorbereitungstag“ bezeichnen sollte. Gemeint ist eindeutig der 14. Nissan, der Tag der Schlachtung der Pessachlämmer und der umfassenden häuslichen Vorbereitungen. Dieser Vorbereitungstag fällt nur äußerst selten – wenn überhaupt – auf einen Freitag, sodass der Festschabbat des 15. Nissan in der Regel nicht mit dem wöchentlichen Schabbat zusammenfällt.
- der Zeitpunkt des Todes Jeschuas
Jeschua starb zur neunten Stunde, also gegen 15:00 Uhr. Unmittelbar danach erschütterte ein schweres Erdbeben den Tempel, spaltete Felsen und riss den Vorhang (parochet) entzwei – vermutlich durch den Bruch des Torsturzes zwischen Heiligem und Allerheiligstem.
Zur neunten Stunde (15:00 Uhr) hielten sich viele Menschen im Tempel auf, da zu dieser Zeit die Pessachschlachtungen begannen. Die jüdische Überlieferung ist einheitlich: Das tägliche Abendopfer, Tamid-schel-bejn-haArbajim תָּמִיד שֶׁל בֵּין הָעַרְבַּיִם (= „das Tamid des Nachmittags [zwischen den zwei Abenden]“) wurde niemals vorverlegt und bildete stets den Abschluss des Opferdienstes. Regulär wurde es „um der achten Stunde und einer halben“ dargebracht und „um der neunten Stunde und einer halben“ geopfert (Mischna Pessachim 5,1) – also gegen 15:00 Uhr nach heutiger Zeitrechnung.
Doch die einzige Ausnahme im ganzen Jahr: der 14. Aviv. Nur an diesem einen Tag wurde das Tamid wegen der Masse der Pessachopfer vorgezogen – auf die achte römische Stunde (etwa 14:00 Uhr), bei einem Freitag sogar auf die siebte römische Stunde (etwa13:00 Uhr). So formuliert es der Talmud: „Das Tamid wird niemals vorverlegt – außer am 14. Nissan wegen der Pessachopfer“ (Pessachim 58a). Philo bestätigt die frühere Darbringung (Spec. Leg. II, 145–149) und Josephus beschreibt die enormen Menschenmengen (Bellum 6.423–427).
Damit ergibt sich ein eindeutiges Bild: Nur am 14. Aviv wurde das tägliche Abendopfer einzig im Kalenderjahr zeitlich nach vorne verschoben. Zur üblichen Zeit der neunten Stunde – also etwa 15:00 Uhr – befanden sich daher bereits große Menschenmengen im Tempelbereich, weil zu diesem Zeitpunkt die Pessachschlachtungen begonnen hatten oder unmittelbar bevorstanden.
d) die Grablegung Jeschuas – Zeitpunkt und Bedeutung
Alle vier Evangelienberichte, Mt. 27, 57–61; Mk. 15, 42–47; Lk. 23, 50–55; Jh. 19, 38–42, bezeugen übereinstimmend, dass die Grablegung Jeschuas am Vorbereitungsabend erfolgte – unmittelbar vor Beginn des Schabbats. Johannes präzisiert zusätzlich, dass es sich hierbei um den „Hohen Schabbat“, derim biblischen Hebräisch Schabbat Schabbaton שַׁבָּת שַׁבָּתוֹן bezeichnetwird. Es handelte sich also kalendarisch um den 15. Aviv / Nissan. Die synoptischen Evangelien setzen diesen Zusammenhang voraus, ohne ihn eigens zu erläutern, da sie das Geschehen klar vor dem Pessachfest verorten.
Damit kann der „Vorbereitungstag“ nur derjenige zum 15. Nissan gewesen sein – der Festtagsschabbat, der jährlich auf unterschiedliche Wochentage fällt. Die kirchliche Tradition, die den Tod Jeschuas auf einen Freitag legt, beruht daher auf einem chronologischen Missverständnis.
Schlußbild der Analyse
a) Der Beschluss des Sanhedrin zielte darauf, dass Jeschuas Tod noch vor dem Fest eintreten müsse, um die kultische Reinheit der Feier zu wahren.
b) Der Zeitpunkt des Todes – um die neunte Stunde (ca. 15:00 Uhr) am 14. Aviv – fällt mit der Vorverlegung des täglichen Tamidopfers zusammen, was den symbolischen Bezug zwischen Opferdienst und Kreuzigung verdeutlicht.
c) Die Grablegung erfolgte nach Johannes vor dem Hohen Schabbat, also zwischen Sonnenuntergang und Beginn des 15. Nissan, womit sich die synoptischen Parallelen harmonisch einfügen.
Schlussfolgerung:
Jeschuas Tod und Grablegung vollzogen sich am 14. Aviv, dem Vorbereitungstag für den Festtags-Schabbat des 15. Aviv. Damit liegt das gesamte Passionsgeschehen vor dem Pessachfest, nicht am kirchlich tradierten Freitag, sondern im Rahmen der biblischen Festchronologie des ersten Monats.
2 – Jeschuas Auferstehung und die ersten Besucher an der Gruft
Der Bericht in Mt. 28, 1–8 beschreibt den ersten Besuch der beiden Mirjams am bereits leeren Grab Jeschuas. Die Zeitangabe „spät am Schabbat, in der Dämmerung zum ersten Wochentag“ ist die griechische Wiedergabe des hebräischen Ausdrucks מוֹצָאֵי־שַׁבָּת אוֹר לְאֶחָד בַּשַּׁבָּת – mozaʾej‑Schabbat or leEchad‑baSchabbat, der eindeutig den Zeitpunkt nach Einbruch der Dunkelheit am Samstagabend bezeichnet, wenn der Schabbat endet und der erste Tag beginnt. Die Frauen hatten die Spezereien während der Festtage vorbereitet und warteten den Schabbat ab, um unmittelbar nach dessen Ende – noch in der Nacht – zur Gruft zu gehen. Dort fanden sie den Stein bereits weggewälzt und das Grab leer.
Die Verse 2–4 sind eine rückblickende Einschaltung, die erklärt, was vor ihrer Ankunft geschehen war: Am Schabbatnachmittag (17. Aviv) ereignete sich ein starkes Erdbeben, das die römische Versiegelung zerriss; ein Engelsbote wälzte den Stein weg, und die Wache erstarrte vor Furcht. Erst danach setzt Matthäus den Erzählfaden fort: Der Engel verkündet den Frauen die Auferstehung, zeigt ihnen die Stelle, an der Jeschua gelegen hatte, und sendet sie zu den Talmidim. Die Frauen verlassen das Grab erschrocken und zugleich voller Freude.
Ein weiterer Bericht des Johannes 20, 1-2;
1 Am ersten Wochentag kam Mirjam aus Migdal – מִרְיָם הַמַּגְדָּלִית Mirjam-haMagdalit (Maria Magdalena) früh, da es finster war, zur Gruft und sieht den Stein vom Eingang der Grabeskammer weggerollt.
2 Sofort lief sie los und kam zu Schim‘on Kejfa und zu dem anderen Talmid, den Jeschua besonders lieb hatte. Ihnen erzählte sie: „Sie haben den Herrn aus dem Grab genommen, und wir wissen jetzt nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“
Schlussfolgerung
Alle relevanten Evangelienstellen bestätigen übereinstimmend, dass die Gruft bereits leer war, als die Frauen eintrafen. Entscheidend ist die Frage nach dem Zeitpunkt ihres Besuchs, und hier sprechen die Texte eine klare Sprache, sobald man sie im biblisch-jüdischen Zeitverständnis liest.
Der Zeitpunkt: mozaʾej-Schabbat – מוצָאֵי שַׁבָּת
Nach jüdischer Zeitrechnung beginnt ein neuer Tag mit dem Einbruch der Dunkelheit. Der „erste Wochentag“ (אֶחָד בַּשַּׁבָּת echad-baSchabbat) beginnt daher am Samstagabend, unmittelbar nach dem Ausklang des Schabbats מוֹצָאֵי שַׁבָּת mozaʾej-Schabbat.
Genau diesen Zeitpunkt beschreibt Matthäus 28,1 mit der ungewöhnlichen Formulierung:
ὀψὲ δὲ σαββάτων… – „spät am Schabbat“
…εἰς μίαν σαββάτων – „beim Aufleuchten zum ersten Tag“
Diese griechische Konstruktion ist erklärbar als Wiedergabe der hebräischen Wendung:
מוֹצָאֵי שַׁבָּת אוֹר לְאֶחָד בַּשַּׁבָּת mozaʾej Schabbat or leEchad baSchabbat
= „am Ausgang des Schabbats, im (beginnenden) Licht des ersten Tages“.
Damit ist eindeutig der Samstagabend nach Einbruch der Dunkelheit gemeint.
Die drei synoptischen Berichte in Mt. 28, 1; Mk. 16, 2 und Lk. 24, 1 sind Parallelüberlieferungen desselben Ereignisses – des ersten Gangs der Frauen zur Gruft.
- Markus 16, 2: „sehr früh, am ersten Tag“
- Lukas 24, 1: „in aller Frühe am ersten Tag“
Diese Formulierungen werden oft fälschlich als „früh am Morgen“ verstanden.
Doch im jüdischen Sprachgebrauch bezeichnet „früh am ersten Tag“ die erste Phase des neuen Tages, also die frühe Nachtzeit direkt nach Schabbatausgang.
Die Frauen hatten die Öle vor dem Wochenschabbat gekauft und bereitet (Mk. 16, 1; Lk. 23, 56). Am Schabbat selbst ruhten sie. Doch sobald der Schabbat endete, machten sie sich auf den Weg – aus Trauer, Dringlichkeit und dem Wunsch, Jeschua zu ehren.
Der Bericht von Johannes in Jh 20, 1 schildert nicht dieselbe Szene, sondern einen weiteren Besuch Marias aus Migdal. Dort schreibt er: „früh, als es noch dunkel war“
Auch hier ist die Zeitangabe eindeutig: nächtlich, nicht „morgendlich“.
Johannes bestätigt damit indirekt, dass die Frauen bereits am Samstagabend zur Gruft gegangen waren – und Maria später erneut.
Was bedeutet das für den Zeitpunkt der Auferstehung?
Wenn die Frauen unmittelbar nach mozaʾej-Schabbat zur Gruft kamen und diese bereits leer vorfanden, folgt daraus zwingend:
- die Auferstehung geschah vor dem ersten Besuch der Frauen;
- dieser Besuch fand am Samstagabend, also zu Beginn des ersten Wochentages, statt;
- die Auferstehung selbst muss daher am Wochenschabbat, also am späten Nachmittag des Schabbats, erfolgt sein – vor Einbruch der Dunkelheit;
Dies entspricht exakt der mehrfachen Ankündigung Jeschuas:
„am dritten Tag“ – nicht nach drei Tagen, sondern innerhalb des dritten Tages, was nach jüdischer Zählung den Nachmittag des Schabbat einschließt.
Daraus ergibt sich: Die synoptischen Parallelen und der ergänzende Johannesbericht zeigen übereinstimmend, dass die Frauen am Samstagabend nach Schabbatausgang zur Gruft kamen, diese bereits leer vorfanden und damit bestätigen, dass Jeschuas Auferstehung am Wochenschabbat, am späten Nachmittag, stattgefunden haben muss.
Ausgehend von den beiden festen Eckpunkten der Passionschronologie – dem Tod Jeschuas am Nachmittag des 14. Aviv, etwa zur neunten Stunde, und seiner Auferstehung am Nachmittag eines Wochenschabbats – lässt sich die zeitliche Abfolge der Ereignisse präzise rekonstruieren. Der Tod ereignete sich gegen 15:00 Uhr, also kurz vor Sonnenuntergang, an jenem Tag, an dem nach der Tora das Pessachopfer dargebracht wird. Mit dem unmittelbar folgenden Sonnenuntergang begann bereits der 15. Aviv, der erste Festtag der Mazzot-Woche und zugleich ein hoher Festtags-Schabbat.
Von diesem Zeitpunkt an setzt die biblische Formel „drei Tage und drei Nächte“ ein, die eine vollständige Abfolge von Nächten und Tagen voraussetzt. Zählt man diese Sequenz konsequent durch, ergibt sich: Die erste Nacht und der erste Tag fallen auf den 15. Aviv, die zweite Nacht und der zweite Tag auf den 16. Aviv, und die dritte Nacht sowie der dritte Tag auf den 17. Aviv. Damit liegt der Abschluss der dreitägigen Periode am Nachmittag des 17. Aviv – exakt jenem Zeitpunkt, an dem die Evangelien die Auferstehung verorten – siehe dazu das Diagramm,, unten.
Da der 17. Aviv in diesem Szenario ein Wochenschabbat war, ergibt die Rückrechnung der Wochentage eine klare Struktur: Der 17. Aviv entspricht dem Samstag, der 16. Aviv dem Freitag, der 15. Aviv dem Donnerstag und folglich der 14. Aviv dem Mittwoch. Damit fällt die Kreuzigung Jeschuas in die Mitte der Woche. Diese Chronologie verbindet die Angaben der Evangelien mit dem jüdischen Festkalender und erklärt zugleich, wie die Aussage von den „drei Tagen und drei Nächten“ in ihrer vollen Länge erfüllt wird.
Mit diesem zeitlichen Kerngerüst erschließt sich zugleich die innere Architektur der gesamten Passionswoche Jeschuas. Von seiner Ankunft auf dem Ölberg und dem Einzug in Jerusalem über die lehrintensiven Übergangstage bis hin zu Gefangennahme, Verhör, Verurteilung, Kreuzigung und Tod entfaltet sich eine lückenlose und klar strukturierte Abfolge, die sich präzise in den jüdischen Festkalender einfügt. Die drei Tage und drei Nächte zwischen Tod und Auferstehung bilden dabei das Zentrum einer prophetischen Dramaturgie, in der die wesentlichen Elemente des Pessachfestes ihre historische und geistliche Entsprechung finden. Auf dieser Grundlage ergibt sich für alle Stationen der Passionswoche eine kohärente und durchgehend stimmige Timeline, die die prophetischen Bestandteile des Pessachfestes in ihrer ganzen Tiefe sichtbar macht – wie das folgende Diagramm eindrucksvoll veranschaulicht.









