Parascha ‘haAsinu’ = “horchet auf” (ihr Himmel)!

Hier ein Ausschnitt der Tora-Lesung ‘haAsinu‘
Wie ersichtlich, ist die schriftliche Aufgliederung des hebräischen Textes poetisch angeordnet!
Parascha ‚haAsinu‘ – הַאֲזִינוּ = “horcht auf ihr Himmel”
Schalom achim weAchot, liebe Brüder und Schwestern!
Unsere Parascha ist die erste Tora-Lesung im neuen hebräisch-jüdischen Jahr.
Ich wünsche euch allen ein gutes und süßes Jahr, wie man es sich in den jüdischen Familien gegenseitig wünscht und zuspricht, und dazu einander ein Stück Apfel, eingetaucht in Honig, zureicht. Süß deswegen, dass die Segnungen des Elohims Israel für jeden zum Glück werden mögen.
So beginnt unsere Lesung:
V1) „Horchet auf – הַאֲזִינוּ ha’Asinu ihr Himmel (pl.), ich will reden, ebenso höre Erde die Worte meines Mundes!
V2) Meine Lehre träufle wie Regen, meine Rede riesele wie Tau oder wie Regenschauer auf frisches Grün und wie Regengüsse auf [welkes] Kraut!“
Dies ist die ‚Hymne Mosches‘, in Hebräisch „schirat-Mosche“ – שִׁירַת מֹשֶׁה genannt. Auf Hebräisch heißt „schir“ = „Lied“, maskulin. Hier aber steht ‚schira‘ – שִׁירָה, was das Femininum des gleichen Wortes ist. Das bezeichnet eine Nuance zum Wort schir. Man übersetzt es mit „Hymne“ oder „Poesie“. Während schir ein Lied im allgemeinen Sinn bezeichnet, also ein musikalisches oder poetisches Werk, das gesungen wird, ist schira eine umfangreichere Form des Gesangs oder der Dichtung, oft im feierlichen oder poetischen Kontext, wie etwa eine Hymne, Ode oder ein Gedicht. Es ist in sehr anspruchsvollem poetischem Hebräisch verfasst und somit nicht leicht zu verstehen.
Schir also bezieht sich eher auf ein einfaches, einzelnes Lied, während schira häufig verwendet wird, um eine poetische oder feierliche Form des Gesangs zu beschreiben, oft mit einem gehobeneren, hymnischen Charakter.
Auf der einen Seite gibt Mose mit diesem Gedicht seinem Volk ein Gedächtnis für die Zukunft, auf der anderen Seite prophetische Worte mit auf den Weg.
Schirat-Mosche ist wie vieles in der Bibel in höchster poetisch-hebräischen Form geschrieben. Anbei an meine Leser: Wußten Sie, dass nicht nur die Psalmen, sondern auch u. a. das Buch Hiob (das älteste Buch der Bibel) und viele Prophetenbücher (wie z. B. Habakuk) in höchster hebräischen Poesie, also im Gedichtstil verfasst worden sind?
Wir wollen einem prophetischen Vers ganz besondere Beachtung schenken, der sehr interessant ist. Hier folgt dieser Vers in mehreren Übersetzungen untereinander:
5. Mose (Dvarim) 32, 21:
Elberfelder:
„Sie haben mich zur Eifersucht gereizt durch einen Nicht-Gott,
haben mich gekränkt durch ihre Nichtigkeiten.
So will auch ich sie zur Eifersucht reizen durch ein ‚Nicht-Volk‘,
durch eine ‚törichte Nation‘ will ich sie kränken.“
Martin Buber:
„Mit einem ‚Ungott‘ ereifern sie mich,
verdrießen mich mit ihrem ‚Tand‘,
durch ein ‚Unvolk‘ will ich sie ereifern,
sie verdrießen durch ‚schmählichen Stamm‘.“
Tur Sinaj (Torzyner):
„Sie reizten mich durch einen ‚Ungott‘.
Sie kränkten mich durch ihre ‚Wahngebilde‘.
Und ich, ich will sie reizen durch ein ‚Unvolk‘,
durch ‚schämliche Nation‘ sie kränken.“
hebräischer Urtext:
הֵם קִנְאוּנִי בְלֹא-אֵל ר
כִּעֲסוּנִי בְּהַבְלֵיהֶם ס
וַאֲנִי אַקְנִיאֵם בְּלֹא-עָם ר
בְּגוֹי נָבָל אַכְעִיסֵם: ס
die überarbeitete Übersetzung:
„Sie ereiferten/reizten mich durch einen „Nicht-El“ (Un-Gott),
[damit] erzürnten sie mich durch ihre Nichtigkeiten [eines Wahngebildes] – הַבְלֵיהֶם havlejhem.
[Darum] werde auch ich sie durch/mit einem Nicht-Volk (Un-Volk) ereifern/reizen,
[ja] mit einer törichten/einfältigen Nation will ich sie erzürnen.“
= Gemeint ist hier: Israel, das von Gott aus Ägypten befreit wurde und dann an den Berg Sinaj kam, wo Mose die Tafeln des Bundes erhielt. Doch in der Zwischenzeit hatte das Volk aus lauter Ungeduld seiner Wiederkunft (über 40 Tage) dann einen Abgötzen, das „Goldene Kalb“ als Kopie aus Ägypten erschaffen: dies war ihr „Nicht-El“ (Un-Gott). Damit hatten sie den Ewigen in seinem Eifer erzürnt. Nun prophezeit Mose hier in seiner Hymne, dass JaH das jüdische Volk auch in ihrem Eifer reizen und erzürnen wird, nämlich dadurch, dass er ihnen ein Nicht-Volk (Un-Volk) oder eine einfältige Nation – גוֹי נָבָל goj-naval entgegen stellen wird.
Paulus zitiert diesen Vers in seinem Brief an die römischen Gläubigen, im Römerbrief 10, 19:
V19) „[Weiter] stelle ich die Frage: „Hat [denn] Israel (es) etwa nicht erkannt?“
Anmerkung: Diese Frage bezieht sich auf die Errettung oder die Heils-Rechtfertigung (hebr. z’daka – צְּדָקָה). Dieses hebräische Wort z’daka bedeutet zunächst „Gerechtigkeit“, dann auch Almosengabe als Gerechtigkeitstat und schließlich die Rechtfertigung im Heil und der Erlösung zu Gott.
[die Antwort von Paulus]: Dazu bemerkt (zunächst) Mosche dies:
‚Ich will euch zur Eifersucht reizen durch ein Nicht-Volk, (ja) durch eine unverständige Nation will ich euch erzürnen.‘ “
– 5. Mo. 32, 21;
אֲנִי אַקְנִיאֲכֶם בְּלֹא-עָם בְּגוֹי נָבָל אַכְעִיסְכֶם:(דברים לב’ כא’)
= Im Brief an die römischen Gläubigen im Kp. 10 beginnt Paulus damit, dass er sich die Errettung seines ganzen Volkes Israel wünscht (V1). Er bezeugt selber, dass die Juden großenteils im Glauben eifrig hingegeben sind (V2), indem sie die Heilsgerechtigkeit – z’daka – ersuchen zu erlangen. Doch es fehlt ihnen dafür an der wirklichen Erkenntnis – הַשְׂכֵּל haskel (V2-3). Die wahre Rechtfertigung – z’daka, so fährt Paulus fort, erhält man nur durch die Glaubensannahme an den Messias Jeschua, weil doch die Tora das Ziel (griech. ‚telos‘, ist nicht!! mit „Ende“ zu übersetzen) auf den Messias hin ist (V4). Weiter führt Paulus nun die Rechtfertigung/Heils-Rechtigkeit – z’daka nach der Tora und den Propheten weiter aus (V5-10): Die z’daka kann nur mit Glauben, der aus dem Herzen entspringt und mit dem Mund bezeugt wird, erlangt werden.
Nun setzt Paulus fort, dass Israel die Glaubensbotschaft zum großen Teil nicht angenommen hat (V14). Die Glaubensbotschaft liegt in der Verkündigung der Heilsbotschaft (V15-17). Weiter stellt Paulus nun die Frage, ob Israel diese Botschaft des Messias nicht vernommen hat? (V18). Doch! Und nun folgt dieses Zitat aus dem schirat-Mosche: 5. Mo. 32, 19; die Prophetie, dass Gott selber Israel ein Un-Volk – לֹא-עָם lo–am gegenüberstellen wird. Damit sind alle Nicht-Juden gemeint, die zwar ein „Volk“ darstellen, aber doch keines sind. Sie werden prophetisch hier als „einfältige Nation – גוֹי נָבָל goj-naval“ genannt. Gemeint ist damit, dass aus jüdischer Sicht bei vielen Christen die Tiefe der hebräischen Schriften oft nicht vorhanden ist, weshalb sie als „einfältige Nation“ prophetisch beschrieben sind. Aber damit will der Elohim sie aufreizen und erzürnen, so wie Israel es dem Ewigen gegenüber am Berg Sinaj tat, indem sie ihm einen Nicht-Gott/Un-Gott -לֹא-אֵל lo-El aufstellten.
Zur Hymne Moses gibt Mosche selber hier zuvor diese Anweisung: 5. Mo 31, 19 + 21a:
V19) „Nun schreibt euch diese Hymne – שִּׁירָה schira auf: Dann be-lehre – לַמְּדָהּ lamda (= lasse sie es erlernen) die Kinder Israel damit! Lege es in ihren Mund, damit diese Hymne – שִּׁירָה schira mir zum Zeugen – עֵד ed gegen/für die Kinder Israel wird!“
V21a) Es wird geschehen, dass wenn auf sie (das Volk Israel) dann viel Übles/Unglück und Nöte befallen wird, dann soll dieses Gedicht – שִּׁירָה schira (ihnen) als Zeuge (oder zum Zeugnis) zur Antwort dienen. Im Mund seiner Nachkommen soll es nicht (jemals) in Vergessenheit geraten.“
= Diese Hymne des Mose ist ein prophetisches Gedicht in Bezug auf das Schicksal Israels.
Kp. 32, V21) führt nun noch einmal das Geschehen der großen Sünde Israels während des Bundesschlusses vor Augen und es wird dies zum prophetischen Wort an Israel, das Paulus auf die Gemeinde Jesu aus den Nationen prophetisch deutet: So wie Israel einst seinen Elohim im Eifer, das ist in der göttlichen Liebesglut, aufreizte und ihn erzürnen ließ, indem es sich einen „Nicht-Gott“ -לֹא-אֵל lo-El bzw. mit den Nichtigkeiten (hevelim) des ‘Goldenen Kalbes’ erschuf, so wird auch der Ewige das Volk Israel in seinem Eifer – das ist zur Eifersucht reizen und im Zorn erglühen lassen durch ein “nicht-Volk/Un-Volk” -לֹא-עָם lo–am bzw. durch eine törichte Nation – גוֹי נָבָל – ‘goj naval’.
Wie tiefgreifend ist die Liebe Elohims!
Für alle Interessierten lade ich den tiefer erarbeiteten Text, an die Römer, Kp. 10 etwas später hoch!
Schabbat Schalom!
