Parascha ‚re’e‘ רְאֵה (= „siehe“)
Foto entnommen aus englischer Wikipedia zu schmita; auf dem Plakat steht: “Hier wird das schmita (-Gebot) eingehalten! Links: Keren haSchvi’it = „Stiftung für den Siebten“
Parascha ‚re’e‘ רְאֵה (= „siehe“) – 5. Mo. 11, 26 – 16, 17;
V26) Siehe – רְאֵה re’e ! Ich lege euch heute den Segen – בְּרָכָה bracha und den Fluch – קְלָלָה klala vor:
Zusammenfassende Inhaltsangabe:
Kp. 11
• Segen und Fluch: Gehorsam bringt Segen, Abkehr bringt Fluch, V.26–28;
• Verkündung auf den Bergen Grasim (Segen) und Ejval (Fluch), V.29–30;
• Aufruf zur Einhaltung aller Gebote beim Einzug ins Land, V.31–32;
Kp. 12
• Zerstörung aller heidnischen Kultstätten im Land K‘naan, V.1–4;
• Einführung eines zentralen Opferortes – später Jerusalem, V.5–14;
• Erlaubnis zum Fleischverzehr außerhalb des Opferkontextes, Verbot des Blutverzehrs, V.15–28;
• Warnung vor Nachahmung heidnischer Bräuche, V.29–32;
Kp. 13
• falsche Propheten und Traumdeuter, die zum Götzendienst verführen, sind zu töten, V.1–6;
• auch nahe Angehörige, die zum Götzendienst verleiten, dürfen nicht verschont werden, V.7–12;
• Städte, die kollektiv abfallen, sollen vollständig vernichtet werden, V.13–19;
Kp. 14
• Verbot heidnischer Trauerrituale – Israel ist ein heiliges Volk, V.1–2;
• Liste koscherer und nicht-koscherer Tiere, Fische und Vögel, V.3–21;
• Gebot des Zehnten für Lewiten und Bedürftige, V.22–29;
Kp. 15
• das schmita-Jahr: Schuldenerlass unter Israeliten, V.1–6;
• Gebot der Großzügigkeit gegenüber Armen – „öffne deine Hand“, V.7–11;
• Freilassung hebräischer Sklaven im siebten Jahr mit Geschenken, V.12–18;
• Heiligung der männlichen Erstgeborenen von Vieh, V.19–23;
Kp. 16
• Pessach: Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, Verbot von Chamez, V.1–8;
• Schavuot: Dank für die Ernte, freiwillige Spenden, V.9–12;
• Sukkot: Freude mit der ganzen Gemeinschaft, V.13–15;
• jeder soll nach seinen Möglichkeiten Gaben bringen – dreimal jährlich, V.16–17;
Wir kommen heute zur eingehenden Betrachtungen über die schmita-Bestimmungen wie in 5. Mo. 15, V1-6 beschrieben: das schmita-Jahr: Schuldenerlass unter Israeliten, V.1–6;
V1) Nach dem Ende von sieben Jahren sollst du eine Erlassung שְׁמִטָּה schmita halten.
V2) [Hier] ist die Angelegenheit [wie] die Erlassung שְּׁמִטָּה schmita [einzuhalten ist]:
Erlassen שָׁמוֹט schamat soll jeder Schuldherr (Gläubiger) בַּעַל ba’al das Verliehene מַשֵּׁה masche seiner Hand (Handleihe, Darlehen), das er seinem Nächsten ausgeliehen hat. Er soll seinen Nächsten und seinen Bruder nicht bedrängen [wegen des Verliehenen]. Denn eine Erlassung שְׁמִטָּה schmita für JHWH / den Ewigen ist ausgerufen worden.
כִּי-קָרָא שְׁמִטָּה לַיהוָה:
ki kara schmita-laAdonaj
V3) Den Fremden/Ausländer נָּכְרִי nochri magst du [weiterhin] bedrängen, d. h. von ihm fordern. Doch was du an deinem (Volks)Bruder (ausgeliehen) hast, das soll deine Hand erlassen תַּשְׁמֵט taschmet / soll von deiner Hand erlassen werden.
V4) [Dieses Gebot dient dazu] dass bei dir kein Armer אֶבְיוֹן evjon zu finden sei / es bei dir keinen Armen geben werden wird. Weil der Ewige dich reichlich segnen wird/möchte in dem Land, das der Ewige, dein Elohim, dir zum Erbteil gibt, um es in Besitz zu nehmen.
V5) Mögest du nur der Stimme des Ewigen, deines Elohim, genau gehorchen שָׁמוֹעַ תִּשְׁמַע schamoa tischma, dadurch dass du dieses ganze Gebot כָּל-הַמִּצְוָה הַזֹּאת kol-ha-mizwa-haSot (sorgfältig) hütest/befolgst es auszuüben, [eben das] wozu ich dich heutigentags beauftrage.
V6) Denn der Ewige, dein Elohim, wird dich segnen, so wie er es dir zugesagt hat: du wirst [zwar] vielen Nationen ausleihen הַעֲבַטְתָּ haAvat‘ta, doch du wirst dir nicht ausleihen לֹא תַעֲבֹט lo-ta’avot. [Wenn dieser Zustand eintreffen wird] wirst du [zwar] über viele Nationen herrschen/regieren מָשַׁלְתָּ maschalta, doch über dich sollen/werden sie nicht herrschen לֹא יִמְשֹׁלוּ lo-jimscholu.
= das Gebot des schmita–Jahres שְׁמִטָּה besagt:
- Was ist das schmita-Jahr?
Das schmita-Jahr ist das siebte Jahr im landwirtschaftlichen Zyklus Israels, wie in der Tora – besonders in 3. Mo. 25 und 5. Mo. 15 – beschrieben. Es ist ein Schabbatjahr für das Land und für die Volksgesellschaft.
Die Hauptaspekte dabei sind:
- Landruhe:
Felder und Weinberge dürfen nicht bestellt und auch nicht geerntet werden. Die Erde soll „ruhen“ – ein ökologisches und spirituelles Prinzip;
- Schuldenerlass:
Schuldner/Gläubiger sollen Schulden erlassen לְהַשְׁמִיט lehashmit, um soziale Gerechtigkeit zu fördern;
- Freigabe von Ernte:
Was auf den Feldern von selbst wächst, gehört allen – auch Fremden und Tieren;
Ziel und Bedeutung sind:
- Förderung von Glauben / Vertrauen in Elohim, dass er Versorger ist;
- Stärkung von sozialer Gleichheit und Barmherzigkeit;
- Erinnerung daran, dass das Land letztlich Elohim gehört;
Wir wollen noch ein wenig tiefer in die Wortbedeutung von schmita eingehen:
- die hebräische Wurzel ist ש־מ־ט sch-m-t שָׁמַט = schāmat ist Verb, im Kal (Grundstamm) der Vergangenheit; es bedeutet: „er ließ fallen“, „gab auf“, „ließ los“, z. B. 2. Mo. 23, 11:
וּבַשְּׁבִיעִת תִּשְׁמְטֶנָּה וּנְטַשְׁתָּהּ
„Im siebten Jahr sollst du sie ruhen lassen und aufgeben.“
- לְהַשְׁמִיט – lehaschmīt ist Verb in Hif’il-Form (kausativ), Infinitiv; es bedeutet: „fallen lassen“, „erlassen“, „zurückziehen“; z. B. in 5. Mo. 15, 2:
וְזֶה דְּבַר הַשְּׁמִטָּה: שָׁמוֹט כָּל בַּעַל מַשֶּׁה יָדוֹ
„Dies ist die Weise der Erlassung: Jeder Gläubiger soll das Darlehen seiner Hand erlassen.“
- das Substantiv schemitā שְׁמִטָּה ist feminin und kann mit „Erlassung“, „Freilassung“, „schmita-Jahr“ übersetzt werden; es bezieht sich auf das siebte Jahr, in dem Schulden erlassen und Felder brach liegen gelassen werden;
- die Verbform taschmēt תַּשְׁמֵט ist Hif’il, 2. Person Singular maskulin Futur; es ist mit „du sollst erlassen“, „du sollst loslassen“ zu übersetzen; es kommt z. B. in 5. Mo. 15, 3:
וַאֲשֶׁר יִהְיֶה לְךָ אֶת אָחִיךָ תַּשְׁמֵט יָדֶךָ
„Was dein Bruder dir schuldet, sollst du mit deiner Hand erlassen.“
das Verb in Hif’il, Futur 2. Person Singular feminin /3. Person Plural: tischmeténā תִּשְׁמְטֶנָּה bedeutet „du sollst sie ruhen lassen“ / „sie sollen ruhen lassen“. Z. B. 2. Mo. 23, 11, wo es auf das Land bezogen ist, das im siebten Jahr brach liegen soll.
Die Wurzel ש־מ־ט ist eng verwandt mit Begriffen wie:
- נָטַשׁ nātasch = „verlassen“, „aufgeben“
- שָׁבַת schavat = „ruhen“, „aufhören“ (wie in „Schabbat“)
Im 3. Mose waJikra wird das schmita-Jahr sogar als „שַׁבָּת שַׁבָּתוֹן“ schabbat schabbaton bezeichnet, was mit „hoher Schabbattag“, „besonderer Ruhetag“ für das Land übersetzt werden kann (ähnlich wie kadosch–kedoschim = „Allerheiligstes“; oder schir-haSchirim = „Lied der Lieder“, „Hoheslied“)
Die Wurzel ש־מ־ט ist semantisch mit anderen Wurzeln verwandt, die ebenfalls „loslassen“ oder „aufgeben“ bedeuten:
| Wurzel | Bedeutung | Beispiel |
| נ־ט־ש (n-t-sch) | verlassen | נָטַשׁ – er verließ |
| ש־ב־ת (sch-b-t) | ruhen, aufhören | שַׁבָּת – schabat |
| ע־ז־ב (ʿ-z-v) | aufgeben, überlassen | עָזַב – er verließ |
Hier noch eine Tabelle mit den grammatikalischen Formen der Wurzel ש־מ־ט
| Form | hebräisch | Stamm/Form | Bedeutung | Bemerkung |
| Infinitiv | לְהַשְׁמִיט | Hif’il | fallen lassen, erlassen | kausativ, aktiv |
| kal Perfekt 3. m. sg. | שָׁמַט | Kal | er ließ fallen | Grundform |
| kal Imperfekt 3. m. sg. | יִשְׁמֹט | Kal | er wird fallen lassen | Zukunft |
| Hif’il Imperfekt 2. m. sg. | תַּשְׁמֵט | Hif’il | du sollst erlassen | 5. Mo. 15, 3; |
| Partizip aktiv | מַשְׁמִיט | Hif’il | einer, der erlässt | selten verwendet |
| Substantiv | שְׁמִטָּה | Nomen | Erlassung, schmita | das Schabbatjahr |
= auch dieses ganze Gebot der schmita ist eine sehr ernst zunehmende Anweisung Elohims an sein Volk Israel. Die Unterlassung dieser Anweisung bewirkte laut der Propheten den Grund für ihr Exil, also die Verbannung aus dem Land Israel nach Babylon..
Hier sind drei relevante Bibelstellen, die diesen Zusammenhang aufgreifen:
Jeremia 25, 11–12:
„Dieses ganze Land soll zur Verwüstung חָרְבָּה chorba und zur Ödnis שַׁמָּה schama werden. Diese Völker sollen dem König von Babel dienen siebzig Jahre.“
= hier werden siebzig Jahre des Exils angekündigt. Später wird deutlich, dass diese Zeitspanne mit den versäumten Schabbatjahren zusammenhängt.
2. Chronik 36, 20–21:
„Damit das Wort des Ewigen durch den Mund Jeremias in Erfüllung käme: bis das Land seine Schabbate שַׁבְּתוֹתֶיהָ schabtoteja genossen hatte / ersetzt bekam. All die Tage seiner Ödnis שַּׁמָּה schama ruhte / erliess es שָׁבָתָה schavata, bis siebzig Jahre zur Vollheit kamen.“
- der Bezug zum schmita: Diese Stelle erklärt ausdrücklich, dass das Land die versäumten Schabbatjahre „nachholte“, während Israel im Exil war. Sie verweist auf die Prophezeiung Jeremias und verknüpft das Exil mit der Missachtung der Landruhe.
- die rabbinische Auslegung (z. B. im Talmud, Traktat Sanhedrin 39a) greift diesen Gedanken auf und rechnet: Wenn Israel über 490 Jahre hinweg das schmita-Gebot ignorierte, ergibt das 70 versäumte Schabbatjahre – und damit 70 Jahre Exil.
Hesekiel 20, 12–13:
„Auch gab ich ihnen meine Schabbate, damit sie ein Zeichen seien zwischen mir und ihnen, damit sie erkennen, dass ich der Ewige bin, der sie heiligt. Doch das Haus Israel empörte sich gegen mich in der Wüste…“
= Interpretation: Hier wird die Missachtung der Schabbate (inkl. der Brachjahre – schmita für das Land) als Teil der Rebellion Israels gegen die Gebote Elohims dargestellt. Hesekiel zählt die Vergehen auf, die zur Strafe führten.
Euch allen Schabbat Schalom!
- Parascha ‚schelach-lecha‘ שְׁלַח-לְךָ (= „entsende dir [Männer] nach deinem Ermessen aus“) – 4. Mo. 13, 1 – 15, 41; - 4. Juni 2026
- Parascha ‚beHa’alotcha‘ בְּהַעֲלֹתְךָ = „wenn du anzündest“ – 4. Mo. 8, 1 -12, 16; - 27. Mai 2026
- Parascha ‚nasso‘ נָשֹׂא = “erhebe” – 4. Mo. 4, 22 – 7, 89; - 21. Mai 2026

