Omer-Zählen

Alle Feiertage und Festzeiten begegnen uns in der Torah zweimal (etwa im 3. Buch Mose 23 und im 4. Buch 28–29). Doch die Omer-Zeit wird nur einmal genannt. Im 3. Buch Mose 23, 11–16 wird geboten, das „Omer vor Yah zu schwingen“. Es heißt: „Und ihr sollt zählen vom Tage nach dem Schabbat, von dem Tage, da ihr dargebracht habt die Garbe für das Schwingopfer, es sollen sieben volle Wochen sein. Bis zum anderen Tag nach der siebenten Woche sollt ihr 50 Tage zählen, dann sollt ihr Yah ein neues Speiseopfer darbringen.«
Wir zählen aufwärts bis zum fünfzigsten Tag, wo Shavuot gefeiert wird. Wie heißt das Wort „fünfzig“ in Hebräisch? Chamischim. Das Wurzelwort von chamischim ist das Wort Maschiach. Und Yah gibt uns 50 Tage, um uns für ein Einssein mit ihm vorzubereiten. So, wenn wir 50 Tage zählen, bereiten wir uns auf unsere volle Erfüllung vor. Und wir zählen das Omer ja abends, nach dem Sonnenuntergang. Nach dem Abendgebet, nach dem Segensspruch, einer Bracha, spricht man den Satz: »Heute ist der soundsovielte Tag seit dem Omer«. Ab dem siebenten Tag wird auch die Zahl der Woche hinzugefügt, etwa: »Heute sind es sieben Tage, welche eine Woche sind, seit dem Omer.«
Hier wird es noch einmal interessant. Weil der biblische Tag am Abend beginnt, liegt es nahe, sofort, wenn er gerade begonnen hat, mit der Zählung des neuen Tages zu starten. Aber man könnte wohl auch zu jeder anderen Tageszeit zählen? Doch nein! Im Text der Torah heißt es ausdrücklich es müssten „volle“ Wochen gezählt werden, und das kann nur dann erreicht werden, wenn man „volle“ Tage zählt.
Um dies zu erreichen, muss man also direkt am Abend beginnen, damit die Tage tatsächlich „vollständig“ sind.
Gibt es einen weiteren Grund, warum man abends zu zählen beginnt? Weil der Abend/die Nacht die „Galut“, die Diaspora, die Zerstreung, die Verbannung, bedeutet. Und wir auch an die Schöpfungsgeschichte erinnert werden, die mit dem Abend begann. Wir bereiten uns vor, ein Gefäß für das himmlische Licht zu werden. Wir nehmen das Dunkel einer Situation (ganz besonders in unseren Tagen), um in dem Dunkel das himmlische Licht zu empfangen.
In diesen fünfzig Tag helfen wir unserer Seele aus dem ägyptischen Chaos (wo es denn noch in uns ist) zu kommen, um sie, also uns, ins Licht zu bringen. Wir gehen in einen Prozess hinein, wo wir Dunkelheit in unserem Leben vom Licht trennen. Es ist ein tägliches Opferbringen.
