Moral Injury – Wenn das Vertrauen in das Gute verraten wird, Teil 2

Weiter geht es in Teil 2 mit einer praktischen Anleitung
Das Leben ist voller Herausforderungen, die nicht nur unsere Widerstandsfähigkeit,
sondern auch den Zustand unserer Seele auf die Probe stellen. Ob es nun aus
einem Verrat an Werten, traumatischen Erlebnissen oder einfach aus dem Schmerz
darüber resultiert, dass wir hinter dem zurückbleiben, was wir für richtig halten –
moralische Verletzungen können dazu führen, dass sich Menschen entfremdet und
gebrochen fühlen. Doch es gibt Heilung, Hoffnung und Wiederherstellung für
solchen Schmerz sowie für unzählige andere Rückschläge, denen wir im Leben
begegnen – vorausgesetzt wir leben mit Yeshua in einer Bundesbeziehung.
In einem Podcast von Verena König habe ich viele gute Aspekte gefunden:
Es geht also um die Frage: Was geschieht mit einem Menschen, wenn Trauma,
Ohnmacht oder extreme Belastung zusätzlich mit seinen moralischen Werten
kollidieren?
Oder auch: Wann wird es traumatisch, wenn jemand gegen seine Werte handeln
muss?
Was geschieht, wenn ein Mensch gegen das handeln muss, was er als
richtig/biblisch empfindet?
Was geschieht, wenn jemand eine Entscheidung treffen muss, bei der es keine
gute Lösung gibt?
Was bedeutet es, was hat das für Auswirkungen, wenn eine Institution, der man
vertraut hat, sich nicht schützend, nicht wahrhaftig oder nicht verantwortlich
verhält?
Die Verletzung findet also auf einer Ebene statt, die mit etwas Identitätsstiftendem
verbunden ist. Sie wird deswegen auch oft beschrieben als eine tiefe psychische,
aber auch soziale und existenzielle und sogar geistliche Wunde.
Und ein betroffener Mensch würde nach einer solchen Verletzung vielleicht
Dinge sagen wie:
„Ich habe gegen meine Werte gehandelt.“
„Ich hätte jemanden schützen müssen.“
„Ich habe geschwiegen, obwohl ich hätte sprechen müssen.“
„Ich habe etwas mitgetragen, was ich innerlich ablehne.“
„Ich wurde von Menschen verraten, denen ich vertraut habe.“
„Ich kann nicht mehr glauben, dass die Welt gerecht ist.“
„Ich kann mir selbst nicht mehr trauen. Ich kann anderen nicht mehr trauen.“
Hier geht es um eine Art Werte-Kompass, einen ethisch-moralischen und für uns
Gläubige besonders auch einen geistlichen Kompass (mit der Bibel als Maßstab).
Und dieser Kompass kalibriert sozusagen auf einer Werteebene, auf einer
Integritätsebene genau das, was wir als gerecht oder würdig und biblisch
empfinden.
Und das kann verschiedene Formen oder Dimensionen bzw. Ebenen unseres
Lebens betreffen.
Vielleicht an 1. Stelle die eigenen Handlungen. Also wenn ein Mensch etwas tut,
das er später als unvereinbar mit seinen Werten erlebt, dann wird das als diese
Form der Verletzung erlebt.
Oder auch 2. wenn ein Mensch etwas unterlässt, wenn er etwas nicht tut, obwohl er
glaubt, er hätte handeln müssen.
An 3. Stelle, eine andere weitere Ebene, ist die Zeugenschaft. Wenn ein Mensch
etwas sieht, beobachtet oder bei etwas dabei ist, das er als moralisch unerträglich
empfindet, sich da aber handlungsunfähig erlebt.
Und eine 4. Dimension, die viele Menschen leider auch im Laufe ihres Lebens und
manche leider sehr früh kennenlernen, ist die Ebene des Verrats.
Es kann aufgrund solcher Erfahrungen unsere Identitätsebene erschüttert
werden:
„Bin ich falsch?“
„Bin ich noch derselbe Mensch?“
„Kann ich mir selbst vergeben?“
„Kann ich so noch dazugehören?“
„Kann ich überhaupt weiterleben mit dem, was geschehen ist?“
Es kann auch vielfältige Folgen haben wie Dissoziation, Abstumpfung und die
Entstehung eines rigiden Moralsystems.
Erkennungsmerkmal für diese Form der inneren Verletzung sind die Hätte-
Sätze.
„Ich hätte es verhindern müssen.“
„Ich hätte es anders entscheiden müssen.“
„Ich hätte stärker sein müssen.“
„Ich hätte Nein sagen müssen.“
„Ich hätte sie retten müssen.“
„Ich hätte ihn schützen müssen.“
„Ich hätte merken müssen, was passiert.“
„Ich hätte mich weigern müssen.“
„Ich hätte die Konsequenzen tragen müssen.“
Diese Ich-hätte-sollen-Sätze sind nicht einfach kognitive Verzerrungen, also auf
einer Verstandesebene irgendwie quälend, sondern manchmal sind sie wie
Wegweiser zu den eigenen Werten. Sie zeigen, was einem Menschen wichtig war
und woran er innerlich zerbricht. Und sie können eben dann sehr grausam werden,
wenn wir die damalige Realität oder die verschiedenen Aspekte der Realität
ausblenden.
Fragen wie:
War der Mensch, war ich, eigentlich frei?
War ich überhaupt erwachsen?
War ich informiert?
War ich sicher genug, um irgendetwas anders zu machen?
War ich vielleicht in einem Abhängigkeitsverhältnis oder in einer Hierarchie,
vielleicht sogar im Schock oder in einem Freeze-Zustand, also in einem Zustand
der Erstarrung?
Habe ich die Überlebensreaktion der Unterwerfung, des Fawnings (instinktive
Traumareaktion, bei der Betroffene versuchen, Konflikte durch extreme Anpassung
und Gefälligkeit abzuwenden) genutzt?
War ich vielleicht dissoziiert?
Welche Konsequenzen hätte mein anderes Handeln möglicherweise gehabt?
Und welche Macht hatte ich überhaupt wirklich?
Therapeutisch würde es also darum gehen, diese Soll-Sätze, Hätte-Sollen-
Sätze nicht einfach zu ersetzen, sondern sie eher zu hinterfragen.
Welcher Wert spricht hier?
Welche Realität wird ausgeblendet?
Welche Verantwortung wird übernommen, die viel zu groß war oder ist?
Welche Verantwortung wird dementsprechend verschoben?
Und welche Trauer liegt vielleicht dahinter?
Welche Wut?
Welche Ohnmacht?
Es ist also wichtig, im ersten Schritt anzuerkennen, statt so stark zu verurteilen.
Eine weitere wichtige Aufgabe ist dann eher so eine kognitive Leistung, eine
Verstandesaufgabe, nämlich Verantwortung zu differenzieren.
Was war überhaupt real möglich?
Was ist das eigentlich für ein Kontext, in dem das alles stattfindet?
Wie gerecht und wie hilfreich ist es, mich damit zu quälen?
Wie hilfreich wäre es stattdessen, mich darin liebevoll, wohlwollend, empathisch
selbst zu würdigen und auch darüber zu trauern, was nicht möglich war?
Ein weiterer Schritt ist die Hinwendung zum Schamgefühl mit dem Ziel, die
Verletzung wieder von der eigenen Identität zu lösen und sich bewusst zu
machen:
Es ist mir etwas passiert und das hat mich aber nicht in meinem tiefsten inneren
Kern durchdrungen. Ich bin nicht das, was mir passiert ist, sondern es ist mir
widerfahren.
Und der nächste Schritt ist ein wichtiger, wenn auch heikler, nämlich das
Selbstmitgefühl und so etwas wie eine Zuwendung zu diesem Selbst, das innerlich
so erschüttert wurde und auch auf einer inneren Ebene diese Art von innerem
Verrat fühlt.
Und nun mache ich einen Stopp mit dem Beitrag von Verena König, denn wir
haben als Gläubige natürlich ganz andere Möglichkeiten im Gebet dieses Thema
mit dem Ruach HaKodesh durchzuarbeiten – falls es uns denn betrifft. Aber ich
finde die aufgezählten Aspekte dennoch sehr hilfreich.
Wer den vollen Beitrag anhören möchte: Youtube/Verena König/moral injury.
Es kann nur eine Antwort geben für tiefe Heilung und Befreiung in dem Falle von
Moralischer Verletzung: durch Yeshua, der alle Verletzungen, alle Schuld und
Strafe (für was auch immer in unserem Leben) und alles, was wir erlitten oder
gemacht haben oder wofür wir uns anklagen, auf sich genommen hat.
Jesaja 53,4-6: Fürwahr, er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen
auf sich geladen; wir aber hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und
niedergebeugt. Doch er wurde um unserer Übertretungen willen durchbohrt, wegen
unserer Missetaten zerschlagen; die Strafe lag auf ihm, damit wir Frieden hätten,
und durch seine Wunden sind wir geheilt worden. Wir alle gingen in die Irre wie
Schafe, jeder wandte sich auf seinen Weg; aber YHWH warf unser aller Schuld auf
ihn.
Shalom Rivkah
