Moral Injury – wenn das Vertrauen in das Gute verraten wird, Teil 1

Ich bin auf ein sehr interessantes Thema gekommen: Moral Injury. Wie moralische
Verletzungen unser tägliches Leben prägen, ohne dass wir es merken.
Aus der Perspektive von Nachfolgern Yeshuas würde ich weniger von moralischen
Verletzungen, sondern eher von der Verletzung biblischer Werte sprechen. Denn
hier zählt die Orientierung an biblischen Werten und nicht eine Art weltlicher
Moralvorstellung. Allerdings können die Wunden auch aus einer Zeit der Kindheit
stammen, wo wir vielleicht unser inneres Wertesystem hatten, dass nichts mit der
Torah zu tun hat.
Eine moralische Verletzung entsteht, wenn unsere Handlungen oder die Systeme,
in denen wir leben und arbeiten, mit unseren tiefsten Werten in Konflikt geraten.
Moralisch verletzt zu sein bedeutet, eine Wunde zu tragen, die zwar nicht sichtbar
ist, aber unser Gefühl von Integrität und Sinnhaftigkeit untergräbt. Nicht nur
Soldaten im Kampfeinsatz sind davon betroffen; es kann auch im Alltag, bei der
Arbeit oder sogar in einfachen Interaktionen passieren, die uns an uns selbst
zweifeln lassen.
Die meisten von uns brauchen einen Job, um zu überleben. Doch wie oft kommt es
vor, dass unser Beruf uns moralisch verletzt, besonders in dieser Zeit, mitten in
dem babylonischen System? Wie oft müssen wir eine moralische Verletzung
ertragen, um genug zu verdienen, um über die Runden zu kommen?
Es handelt sich um ein anderes Phänomen als PTBS oder Burnout, auch wenn die
Auswirkungen ähnlich erscheinen mögen. Es ist wie eine tiefe seelische Wunde,
die die Identität, das Werte-und Moralempfinden und die Beziehung einer Person
zur Gesellschaft durchdringt. Eine moralische Verletzung hinterlässt bei den
Betroffenen oft ein Gefühl der Verwirrung und Erschöpfung, ähnlich wie bei einem
Burnout.
Aus biblischer Sicht hat das alles nochmal eine andere Qualität. Wir wissen, dass
wir nicht von dieser Welt sind, dennoch leben wir mitten in der Welt, wo wir verletzt
werden können oder bereits in der Kindheit moralische Verletzungen erlebt haben,
die noch nicht Yeshua ausgeliefert wurden.
Das Konzept der moralischen Verletzung stammt ursprünglich aus dem
militärischen Sprachgebrauch und beschreibt Veteranen, die anderen Menschen
moralischen Schaden zugefügt haben.
Wir erleiden also eine moralische Verletzung, wenn wir etwas tun, das nicht mit
unseren Wertvorstellungen im Einklang steht und oft unseren moralischen
Überzeugungen und persönlichen Erwartungen widerspricht. Forscher beschreiben
moralische Verletzung als eine Übertretung, die Dissonanz und Konflikt hervorruft,
weil sie Annahmen und Überzeugungen über Recht und Unrecht verletzt.
Eine moralische Verletzung kann auch mit einem Schuldgefühl einhergehen, das
aus den Wunden entsteht, die wir uns selbst zufügen, wenn wir etwas tun, das
gegen uns selbst oder andere gerichtet ist. Auch Verdammnis kann ein Aspekt der
moralischen Verletzung sein. Manchmal braucht es eine Offenbarung, dass wir
noch in Verdammnis stecken, manchmal ist sie tief verborgen und schwer zu
identifizieren.
Wie können wir unsere moralische Integrität nach solchen Verletzungen
wiederherstellen? Wie bei jeder Wunde braucht es Zeit, bis sie verheilt ist. Diese
benötigte Zeit sollte nicht mit einem Gefühl des Versagens, der Verdammnis oder
der Unzulänglichkeit verbunden sein. Sie sollte als Zeit der inneren Einkehr, des
Gebets und Zeit mit dem Vater betrachtet werden, um zu überprüfen, was
geschehen ist und wo die Verletzungen liegen könnten.
Oft neigen wir dazu, die Verletzung – und das Gefühl des Unbehagens – zu
ignorieren. Es könnte jedoch unsere Energie auf unsichtbare Weise kontinuierlich
schwächen und später in Gefühle des Burnouts münden. Daher ist es sinnvoll, sich
diesem Thema etwas zu widmen.
Moralische Verletzungen durch die Heilige Schrift verstehen
Moralische Verletzungen sind kein neues Phänomen – sie existieren seit Anbeginn
der Menschheit in vielen Formen. In der gesamten Bibel finden wir Beispiele von
Menschen, die zum Beispiel nach schweren Fehlern unter moralischen
Verletzungen litten, doch durch die erlösende Kraft der Gnade YHWHs wurden sie
wiederhergestellt.
David zum Beispiel erlebte tiefe Qualen nach seinem moralischen Versagen mit
Bathseba und seiner Rolle beim Tod ihres Mannes Urija. In Psalm 32,3–5 reflektiert
David über die Last der ungestandenen Sünde und die Kraft der Buße:
Als ich es verschwieg, da verfielen meine Gebeine durch mein Gestöhn den
ganzen Tag. Denn deine Hand lag schwer auf mir Tag und Nacht, so dass mein
Saft vertrocknete, wie es im Sommer dürr wird. (Sela.)
Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg meine Schuld nicht; ich sprach: »Ich
will YHWH meine Übertretungen bekennen!« Da vergabst du mir meine
Sündenschuld. (Sela.)
Davids Geschichte zeigt uns, wie unverarbeitete Schuld uns auslaugen und
schwächen kann, aber auch, wie das Bekenntnis und YHWHs Vergebung Heilung
und neues Leben bringen. Ganz gleich, wie tief wir uns gefallen fühlen, YHWH
steht bereit, uns mit Gnade zu umarmen und uns zurück in Seine
Bundesbeziehung zu rufen.
Im Zentrum der Botschaft des Evangeliums/Besorah steht die verwandelnde Kraft
der Vergebung und der Versöhnung mit YHWH, unserem Schöpfer.
Yeshua selbst verkündete: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid,
ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)
Für diejenigen, die unter moralischen Verletzungen oder anderen Rückschlägen
leiden, können wir in Yeshua Erquickung erleben, indem er uns von der Last des
Versagens, der Scham und der Sünde befreit.
- Wiederherstellung der Identität
Moralische Verletzungen können unser Identitätsgefühl verzerren und dazu führen,
dass wir uns über unsere Misserfolge oder die schmerzhaften Ereignisse, die wir
miterlebt haben, definieren.
Yeshua erinnert uns jedoch daran, dass unsere wahrhaftigste Identität in IHM zu
finden ist. Paulus schrieb: Ist jemand in Mashiach, so ist er eine neue Schöpfung;
das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden! (2. Korinther 5,17)
Durch das Opfer Yeshuas sind wir nicht unsere Fehler oder die Summe unserer
Reue – wir sind geliebte Kinder Elohims, in ihm erneuert. - Freiheit durch Vergebung
Vergebung ist nicht verdient, sondern wird durch Yeshua frei geschenkt. Yeshua
nahm die Strafe für unsere Sünden auf sich und bot bzw. bietet Erlösung an, selbst
wenn wir versagen.
Jesaja 1,18: Kommt doch, wir wollen miteinander rechten! spricht YHWH. Wenn
eure Sünden wie Scharlach sind, sollen sie weiß werden wie der Schnee; wenn sie
rot sind wie Karmesin, sollen sie [weiß] wie Wolle werden.
Wenn wir uns an diese Wahrheit klammern, können uns Schuld oder
Verdammnisgefühle nicht länger gefangen halten. Indem wir YHWHs Vergebung
annehmen, können wir auch uns selbst und anderen Gnade erweisen und so die
Ketten der Verdammnis und Bitterkeit sprengen. - Hoffnung für die Zukunft
Durch Rückschläge – moralischer, geistlicher oder emotionaler Natur – neigen wir
oft dazu, uns davon zu überzeugen, dass die Zukunft düster ist und wir nicht mehr
zu retten sind. Doch die Gute Nachricht / Besorah bezeugt, dass YHWHs Pläne für
uns gut und voller Hoffnung sind. Durch den Glauben an Yeshua Ha Mashiach und
ein Leben in der Bundesbeziehung können wir uns auf Wiederherstellung und
Erneuerung freuen, ganz gleich, was wir durchgemacht haben.
Praktische Schritte zur Heilung
Beginne damit, deine Gefühle von Schuld, Scham, Verdammnis oder Schmerz im
Gebet vor YHWH zu bringen. Schütte Ihm wie David ehrlich dein Herz aus.
Erkenne dein Bedürfnis nach Seiner Heilung an und vertraue auf Seine Kraft, dich
wiederherzustellen.
Frage den Ruach Ha Kodesh nach versteckter moralischer Verletzung und nach
versteckter Scham und (Selbst-)Verdammnis.
YHWHs Wort ist eine Quelle unermesslichen Trostes und der Wahrheit. Verse wie
Psalm 34,19 – YHWH ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und er hilft
denen, die zerschlagenen Geistes sind. – erinnern uns daran, dass der Vater uns
nahe ist, selbst in unseren tiefsten Momenten.
Die Heilung von seelischen Verletzungen oder Rückschlägen erfolgt oft
schrittweise, manchmal erscheint der Fortschritt langsam, alles ist ein Prozess. Der
Vater lässt nur so viel zu, wie wir verkraften können.
Philipper 1,6: … weil ich davon überzeugt bin, dass der, welcher in euch ein gutes
Werk angefangen hat, es auch vollenden wird bis auf den Tag von Yeshua Ha
Mashiach.
Seelische Verletzungen und andere Rückschläge können sich wie unüberwindbare
Hindernisse anfühlen. Doch die frohe Botschaft ist, dass keine Wunde zu tief ist für
die Liebe und Gnade YHWHs. Durch das Opfer Yeshuas am Kreuzigungsbaum
werden wir zu einem Leben der Vergebung, Heilung und Hoffnung eingeladen.
Wenn wir unser Vertrauen auf ihn setzen, schreibt er unsere Geschichten neu und
stellt wieder her, was zerbrochen war, und schenkt uns nicht nur Heilung, sondern
ein Leben in Fülle und ewiges Leben – sofern wir IHM mutig unsere inneren
Themen anvertrauen.
Halten wir fest an der Verheißung in Römer 8,38–39:
Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer
noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes,
noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Elohims,
die in Mashiach Yeshua ist, unserem Herrn.
Ganz gleich, wie tief unsere Wunden sind – Seine Liebe ist noch tiefer.
Shalom Rivkah
Weiter geht es in Teil 2 mit einer praktischen Anleitung
