Gedanken und Bibelstudium zu Erbarmen – Racham

Nachdem ich mich eine lange Zeit mit dem Daniel-Gebet befasst habe, ist mir
das Thema Erbarmen/Racham noch einmal deutlicher vor Augen gehalten
worden.
Hier zur Erinnerung ein Auszug aus dem Beitrag über das Daniel-Gebet in
Daniel, Kapitel 9:
Appell an die Barmherzigkeit YHWHs, an die langjährigen Zeichen Seiner
Gunst gegenüber Israel und an Sein Interesse an ihrer Ehre.
Es ist für sie ein gewisser Trost (und zwar kein geringer), dass YHWH immer
bereit war, Sünden zu vergeben (V. 9): YHWH gehören Barmherzigkeit und
Vergebung; dies bezieht sich auf die Verkündigung Seines Namens in
Exodus 34,6-7: Adonai YHWH, gnädig und barmherzig, der Ungerechtigkeit
vergibt.
Es ist ermutigend, sich daran zu erinnern, dass Barmherzigkeit zu YHWH
gehört, so wie es für das Haus Judah und generell für Elohims Volk
überzeugend und demütigend ist, sich daran zu erinnern, dass Gerechtigkeit
zu Ihm gehört. Und diejenigen, die Ihm die Ehre Seiner Gerechtigkeit geben,
dürfen den Trost Seiner Barmherzigkeit für sich in Anspruch nehmen (s.
Psalm 62,12). Es gibt reichlich Barmherzigkeit in YHWH; Er ist ein Elohim der
Vergebung (s. Nehemia 9,17); Er vermehrt die Vergebung (s. Jesaja 55,7).
Obwohl wir gegen Ihn rebelliert haben, gibt es bei Ihm doch Barmherzigkeit,
vergebende Barmherzigkeit, selbst für die Rebellischen.
…
f. „Tu es um deiner großen Barmherzigkeit willen (V. 18), damit offenbar wird,
dass du ein barmherziger Elohim bist.“ Die guten Dinge, um die wir YHWH
bitten, nennen wir Gnade, weil wir sie allein und unverdient von YHWH
erwarten. Und weil Elend das eigentliche Objekt der Gnade ist, breitet der
Prophet hier den beklagenswerten Zustand der Gemeinde vor YHWH aus,
um Sein Mitgefühl zu wecken: Öffne deine Augen und sieh unsere
Verwüstungen, besonders die Verwüstungen des Heiligtums. O schau
mit Mitgefühl auf diesen erbärmlichen Fall!
….
Das Wort Erbarmen oder Barmherzigkeit (hebr. Racham) steht in Verbindung
mit Rechem, was auch Mutterleib bedeuten kann. In diesem Zusammenhang
kamen mir viele Assoziationen. Wie kann es sein, dass wir es manchmal
schwer haben, die Barmherzigkeit des Vaters zu erleben? Kann es vielleicht
mit Erfahrungen im Mutterleib zu tun haben – im weitesten Sinne? Der
Mutterleib kann ein lebensspendender warmer sicherer Ort sein – oder auch
genau das Gegenteil. Das hängt ab von den persönlichen Erfahrungen
unserer Mutter und ihrem Zustand in der Zeit der Schwangerschaft. Auch
können Ängste und Abtreibungsgedanken den Raum beeinflussen, in dem
sich gerade neues Leben entwickelt. Das kann sehr dramatische
Auswirkungen haben. Auch können sich transgenerationale Dinge auf den
Leib der Mutter auswirken, der eigentlich für den heranwachsenden Fötus ein
sicherer Ort sein sollte. Das können zum Beispiel Erlebnisse der Vorfahren
aus Kriegszeiten sein, Vergewaltigungen, Prostitution, um zu Überleben und
natürlich auch sündhaftes Verhalten. Der Mutterleib ist dann kein sicherer Ort
mehr und so fühlt sich ein Baby vielleicht nicht sicher und es verschließt sein
Herz, um sich zu schützen. Und so kann dieser Mensch später die
Barmherzigkeit des Vaters im Himmel schwer empfangen. Das sind nur ein
paar Beispiele. Vielleicht fragt ihr selber den Ruach Ha Kodesh, ob es da
etwas gibt, was ER euch aufzeigen möchte.
So kam es also, dass ich mir den Begriff Racham etwas genauer anschaute:
- Racham: Innerstes, Mitgefühl: Das Innerste ist der Sitz des Mitgefühls
(Jeff Benner)
- (im weiteren Sinne) der Mutterleib (als Ort, an dem der Fötus behütet wird)
- Barmherzigkeit, Mitgefühl, zärtliche Liebe
- Verb racham: Barmherzigkeit erweisen
- Substantiv im Plural Rachamim: Barmherzigkeit(en), Gnade, Mitgefühl(e);
die Pluralform verstärkt die Intensität dieses Wortes bzw. seiner Absicht und
Wirkung, ob Rachamim nun von YHWH oder von Menschen ausgeübt wird.
Racham רַחַם drückt eine tiefe, mütterliche Zärtlichkeit aus, die zum
barmherzigen Handeln bewegt. Es handelt sich dabei niemals um kaltes oder
abstraktes Mitleid; das Wort vermittelt das Bild warmer elterlicher Zuneigung,
die sowohl empfindet als auch handelt. Obwohl es oft mit „Barmherzigkeit“
oder „Mitgefühl“ übersetzt wird, verbindet es seine Symbolik des Mutterleibs
mit lebensspendendem Schutz und Fürsorge.
Der Mutterleib als Heiligtum des Lebens
Von Anfang an betrachtet die Heilige Schrift den Mutterleib als einen heiligen
Ort, an dem der Schöpfer unmittelbar wirkt.
Psalm 22,10: Von Mutterleib an bist du mein Elohim.
Hiob 31,15: Hat nicht der, der mich im Mutterleib bereitete, auch ihn
gemacht? Hat nicht ein und derselbe uns im Mutterleib gebildet?
Solche Texte stellen das Leben im Mutterleib als YHWHs persönliches Werk
dar. Folglich bedeutet die Schädigung des Lebens im Mutterleib, sich dem
Werk des Schöpfers zu widersetzen – eine Ethik, die die biblische Ablehnung
von Gewalt gegen Unschuldige untermauert (vgl. 2. Mose 21,22–25).
Verbreitung in der Bibel
Der Begriff Racham verteilt sich auf alle wichtigen Abschnitte des Alten
Testaments (im Hebräischen Urtext):
Torah – vor allem in Erzählungen, die die Loyalität innerhalb der
Bundesfamilie offenbaren (s. Genesis 43,30; Deuteronomium 13,17).
Die frühen Propheten – mit Schwerpunkt auf barmherziges Urteilen (s. 1.
Könige 3,26).
Psalmen und Sprüche verwenden das Wort im Zusammenhang mit
Anbetung und Weisheit (s. Psalm 51,1; Sprüche 12,10).
Spätere Propheten – konzentriertes Zeugnis für YHWHs wiederherstellende
Absicht (s. Jesaja 54,7; Jeremia 12,15; Hosea 2,19; Sacharja 7,9).
Das durchgängige Muster zeigt Barmherzigkeit sowohl als göttliche
Eigenschaft als auch als Erwartung des Bundes für Israel.
Göttliche Barmherzigkeit: als Charakter YHWHs
YHWHs Selbstoffenbarung in 2. Mose 34,6–7 (YHWH, YHWH, der
barmherzige und gnädige El …) wird zur Quelle, aus der alle späteren
Verwendungen von Racham entspringen.
Wenn David fleht: O Elohim, sei mir gnädig nach deiner Güte; tilge meine
Übertretungen nach deiner großen Barmherzigkeit! (Psalm 51,1), stützt er
sich auf diese grundlegende Erklärung.
Die Propheten wiederholen dieselbe Zusicherung: Kann auch eine Frau ihr
Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarmt über ihren leiblichen Sohn?
Selbst wenn sie [ihn] vergessen sollte – ich will dich nicht vergessen! (Jesaja
49,15), was impliziert, dass das göttliche Racham sogar den mütterlichen
Instinkt übertrifft.
Das gibt Hoffnung, denn da, wo wir im Natürlichen, Physischen keine
Barmherzigkeit erleben konnten, ist der Vater größer und kann uns mit Seiner
Dimension von Erbarmen und Mitgefühl begegnen! Vielleicht müssen einige
auch noch einmal zurück in den göttlichen übernatürlichen „Mutterleib“
YHWHs, damit Urvertrauen wiederhergestellt werden kann?!
Menschliches Mitgefühl innerhalb der Bundesgemeinschaft
Da YHWH barmherzig ist, muss Sein Volk dieses Mitgefühl widerspiegeln.
Sacharja gebietet: So spricht YHWH der Heerscharen: Übt getreulich Recht,
und jeder erweise seinem Bruder Gnade und Erbarmen (Sacharja 7,9).
Das salomonische Urteil zwischen den beiden Frauen (s. 1. Könige 3,26)
veranschaulicht wahre Mutterschaft, offenbart durch רַחַם – jene, deren
Mitgefühl für ihren Sohn brannte, stellte sein Leben über ihren persönlichen
Anspruch.
Solche Erzählungen gründen die Ethik auf die Barmherzigkeit des Bundes
und nicht auf bloße Sentimentalität.
Prophetische Betonung und zukünftige Hoffnung
Das Versäumnis, Racham/Barmherzigkeit zu üben, zieht das Gericht nach
sich, doch selbst das Gericht dient einem barmherzigen Zweck. Nach dem
Exil verspricht YHWH: Und es soll geschehen, nachdem ich sie
herausgerissen habe, will ich mich wieder über sie erbarmen und will sie
wieder heimführen, jeden zu seinem Erbteil und jeden in sein Land (Jeremia
12,15).
Hoseas Ehemetapher gipfelt in der Verheißung: Und ich will dich mir verloben
auf ewig, ich will dich mir verloben in Gerechtigkeit und Recht, in Gnade und
Erbarmen; (Hosea 2,21). So ruht die prophetische Hoffnung auf dem
beständigen Puls göttlicher Zärtlichkeit, die sich weigert, ihr Volk im Stich zu
lassen.
Psalmen
Die Psalmen verwenden Racham, um Elohims beständige Fürsorge zu
preisen und anzuflehen. In Psalm 103,13 heißt es: Wie sich ein Vater über
Kinder erbarmt, so erbarmt sich YHWH über die, welche ihn fürchten; Solche
Verse prägen den Gottesdienst Israels und lehren die Gemeinde, Lobpreis,
Bekenntnis und Fürbitte mit der barmherzigen Natur YHWHs zu verbinden.
Erfüllung durch Yeshua
Lukas zitiert bewusst Exodus 13, um zu zeigen, dass Yeshua, der wahre
Erstgeborene, alles verkörpert, was Racham bedeutet. Seine
Menschwerdung beginnt im Schoß Marias (s. Lukas 1,31), und sein
Erlösungsauftrag sichert die Befreiung jedes „Erstgeborenen“, der auf ihn
vertraut (s. Hebräer 12,23). So findet die Weihe des Erstgeborenen im
Mutterleib ihren höchsten Ausdruck im geweihten Leib des Messias.
Praktische Auswirkungen
Heiligkeit des Lebens: Jede Phase der menschlichen Entwicklung steht
unter göttlichem Anspruch; die biblische Ethik muss das Leben von der
Empfängnis bis zum natürlichen Tod schützen.
Elterliche Hingabe: Die Darbringung der Kinder an YHWH setzt das Prinzip
des Erstgeborenen fort und erkennt YHWHs Eigentumsrecht an.
Seelsorgerisches Mitgefühl: So wie der Mutterleib Schutz bietet, ist die
Gemeinde aufgerufen, die Schutzbedürftigen – Ungeborene, Waisen,
Witwen, Flüchtlinge – in greifbare Barmherzigkeit zu hüllen.
Zuversicht: Gläubige können mutig darauf vertrauen, dass YHWHs Pläne für
sie „vom Mutterleib an“ gewoben wurden.
Weitere Praktische Anwendungen
In der Lehre: Betonen, dass Elohims Barmherzigkeit sowohl liebevoll als
auch aktiv ist; sie leitet die Erlösung ein und erhält die Heiligung aufrecht (s.
Klagelieder 3,22–23).
Nachfolge: Ermutige die Gläubigen, sich „mit Barmherzigkeit zu bekleiden“
(s. Kolosser 3,12) als sichtbare Frucht der Wiedergeburt.
Mission: Lass die Gewissheit von Elohims zukünftigem Mitgefühl für die
Völker die Evangelisation beflügeln (s. Jesaja 54,7–10).
Eine ehrfürchtige Betrachtung von Racham vertieft daher das Vertrauen in
das treue Herz des Vaters und ruft dazu auf, dieselbe Barmherzigkeit in Wort
und Tat zu zeigen.
Shalom Rivkah
