Die Bedeutung von QAWAH – warten – anhand von Jesaja 40,3; Teil 1

Es gibt eine Zeit, die die meisten Gläubigen, die schon länger mit YHWH unterwegs sind,
nur zu gut kennen.
Sie hat verschiedene Namen: die Zeit des Wartens, die Durststrecke, Wüstenwanderung,
die Zeitspanne zwischen Gebet und Antwort.
Man weiß, was man braucht – oder zumindest, wofür man gebetet hat –, und die Stille
zieht sich in die Länge. Tage. Monate. Manchmal Jahre.
Das, worauf wir warten, ist noch nicht eingetreten, und wir sind uns nicht ganz sicher, was
wir in der Zwischenzeit tun sollen, außer … zu warten.
Die meisten von uns stellen sich das Warten so vor, wie wir uns einen Warteraum
vorstellen. Man setzt sich hin. Man schaut auf sein Handy. Man schaut auf die Uhr. Man
befindet sich in einer Warteschleife, bis sich etwas außerhalb von einem bewegt. Das
Warten ist etwas, das einem von außen auferlegt wird. Das Aktivste, was man tun kann,
ist, es ohne zu klagen zu ertragen.
Das ist die deutsche Bedeutung oder Interpretation des Wortes – aber es ist nicht die
hebräische. Das hebräische Wort QAWAH wird oftmals als Warten übersetzt, es hat
jedoch eine viel tiefere Bedeutung (die in Teil 2 im Detail untersucht wird).
Beginnen wir bei Jesaja 40,31:
Aber die auf YHWH harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Bevor wir uns mit dem Wort tiefer befassen, lohnt es sich zu wissen, für wen Jesaja dies
schrieb, denn die Zielgruppe ist hier entscheidend. Jesaja 40 leitet einen der
dramatischsten Wendepunkte im gesamten Buch Jesaja ein. Die vorangegangenen
Kapitel enthielten harte Botschaften des Gerichts. Doch hier ändert sich der Tonfall völlig.
„Tröstet, tröstet mein Volk“, sagt YHWH zu Beginn des Kapitels. Es ist zärtlich, direkt und
eindringlich. Die Menschen (Sein Volk Israel), an die sich diese Passage richtete, waren
im Exil – oder standen kurz davor. Sie erlebten den langsamen Zusammenbruch von
allem, was sie aufgebaut hatten. Den Tempel. Die Stadt. Die Heimat. Das Leben, das sie
sich erhofft hatten. Und man sagte ihnen, sie sollten durchhalten. An eine Erlösung
glauben, die sie nicht kommen sahen und die sie nicht aus eigener Kraft herbeiführen
konnten.
Jesaja 40,31 ist kein Versprechen, das Menschen in einer Zeit des Wohlstands gegeben
wird. Es ist ein Versprechen, das Menschen in einer Zeit der tiefen Verzweiflung gegeben
wird. Menschen, die wirklich erschöpft waren. Menschen, für die das Warten keine
abstrakte geistliche Übung war – es war der tatsächliche Zustand ihres täglichen Lebens.
Der Vers bezieht sich auf genau diese menschliche Situation. Und wenn er das tut,
verwendet er ein ganz bestimmtes Wort. QAWAH.
Jesaja 40,31 ist ein sehr häufig zitierter Vers der Bibel.
Aber die auf YHWH harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.
Aber es gibt darin ein Detail, das die meisten Leser nie bemerken, weil in der Übersetzung
nicht darauf hingewiesen wird.
Das Wort, das mit warten übersetzt wird, ist das hebräische Wort qawah (Strong’s H6960).
Und qawah bedeutet nicht, still zu sitzen.
Die Grundbedeutung von qawah ist zusammenflechten oder ineinander verdrehen im
Sinne von Flechten. Getrennte Stränge zu etwas verbinden, das stärker ist, als es jeder
einzelne Strang für sich allein sein könnte. Stellt euch mal vor, wie ein Seil hergestellt wird.
Man beginnt mit einzelnen Fasern – aus Flachs, Hanf, Baumwolle, ganz gleich, um
welches Material es sich handelt. Eine einzelne Faser ist dünn und kann schnell reißen.
Nimmt man jedoch Dutzende dieser Fasern, spannt sie und verdreht sie miteinander –
dann entsteht etwas, das ein Schiff am Kai festhalten, ein Fahrzeug aus einem Graben
ziehen oder eine Person sicher eine Felswand hinunterlassen kann.
Die Kraft, um die es im Vers geht, entsteht nicht durch Ausruhen. Sie entsteht nicht
dadurch, dass man den Prozess passiv erträgt. Sie entsteht durch die Spannung selbst.
Durch das Verdrillen. Durch die aktive Arbeit, die Stränge unter Widerstand miteinander zu
verflechten. Je mehr Spannung beim Flechten ausgeübt wird, desto stärker ist das fertige
Seil. Das ist qawah.
Wenn Jesaja schreibt, dass diejenigen, die auf YHWH qawah/warten, neue Kraft
gewinnen werden, beschreibt er keine Menschen, die in einem geistlichen Wartezimmer
sitzen und auf die Uhr starren. Er beschreibt Menschen, die sich aktiv in YHWH
hineinverflechten – die ihr Vertrauen, ihre Hoffnung und ihren Glauben unter der Last der
Verzögerung miteinander verflechten. Die die Spannung ihre Arbeit tun lassen.
Das ist kein kleines Übersetzungsdetail. Es verändert alles, was YHWH in einer schweren
Zeit von uns verlangt.
Dasselbe Wort lässt sich auf mindestens zwei Arten übersetzen – und genau darin liegt
der Schlüssel.
Manchmal wird qawah von den Übersetzern mit warten, und manchmal mit hoffen
übersetzt, und an zwei Stellen sogar mit sich (ver-)sammeln.
In Genesis 1,9 – … Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel … (die erste Stelle,
an der dieses Verb verwendet wird).
In Jesaja 40,31 – … die auf YHWH warten.
In Jeremia 3,17 – … alle Heidenvölker werden sich dorthin versammeln, zum Namen
YHWHs, nach Jerusalem …
In Klagelieder 3,25 – YHWH ist gütig gegen die, welche auf ihn hoffen, gegen die Seele,
die nach ihm sucht.
Dasselbe hebräische Wort: verschiedene deutsche Übersetzungen.
Das ist keine Unstimmigkeit in der Übersetzung. Es ist eine Offenbarung. Im Hebräischen
sind Warten und Hoffen keine zwei verschiedenen Dinge, für die zufällig ein und dasselbe
Wort verwendet wird. Es handelt sich um denselben Vorgang, der aus unterschiedlichen
Blickwinkeln beschrieben wird. Man kann nicht wirklich auf YHWH warten, ohne aktiv auf
Ihn zu hoffen. Und man kann nicht wirklich auf YHWH hoffen, ohne die Haltung des
Wartens einzunehmen – sich Ihm zuzuwenden, die eigenen Erwartungen auf Seinen
Charakter auszurichten und die Spannung zwischen dem, was ist, und dem, was man
glaubt, dass kommen wird, auszuhalten.
Die Psalmisten wussten das. David verwendete qawah in Psalm 27,14 – und zwar
zweimal im selben Vers, was im Hebräischen eine Form der extra Betonung ist:
Harre auf YHWH! Sei stark, und dein Herz fasse Mut, und harre auf YHWH!
Die Verdopplung ist keine Wiederholung um des Rhythmus willen. In der hebräischen
Dichtung hat die Wiederholung eines Wortes wie hier eine betonende Wirkung. Der Vers
wird an beiden Enden von qawah eingerahmt – als wolle man sagen, dass alles in der
Mitte (Sei stark und fasse Mut) direkt aus dem aktiven Warten hervorgeht. Die Kraft
entspringt der Qawah-Haltung, nicht dem Versuch, die eigenen Gefühle aus eigener Kraft
in einen besseren Zustand zu versetzen.
Dann gibt es noch Psalm 40,2, wo David etwas noch Eindrucksvolleres schreibt:
Beharrlich habe ich auf YHWH geharrt, da neigte er sich zu mir und erhörte mein
Schreien.
Dieser Ausdruck „beharrlich geharrt/gewartet“ ist eigentlich eine hebräische Konstruktion:
qawah qawah – das Wort wird zweimal unmittelbar hintereinander verwendet, was als
absoluter Infinitiv bezeichnet wird. Es ist die nachdrücklichste grammatikalische Form, die
es in dieser Sprache gibt. Es bedeutet nicht „Ich habe eine Weile gewartet“ oder gar „Ich
habe lange gewartet“. Es bedeutet eher: Ich habe mich immer wieder auf YHWH
ausgerichtet. Immer und immer wieder. Unter der Last des Aufschubs. Ich hörte nicht auf,
mich mit YHWH zu verflechten.
Und was geschah? Psalm 40,3:
Er zog mich aus der Grube des Verderbens, aus dem schmutzigen Schlamm, und stellte
meine Füße auf einen Fels; er machte meine Schritte fest und gab mir ein neues Lied in
meinen Mund, ein Lob für unseren Elohim. Das werden viele sehen und sich fürchten und
werden auf YHWH vertrauen.
Die Antwort kam nach dem qawah qawah. Das beharrliche, aktive Warten war nicht das
Hindernis zwischen David und der Antwort – es war Teil des Weges dorthin. Das
Hineinflechten in YHWH ging weiter, bis etwas vollendet war.
Weiter geht es in Teil 2
Shalom Rivkah
