Daniel 9 – Daniel’s Bekenntnisse und Gebete, Teil 2

Bevor ich mit den weiteren Ausführungen von Matthew Henry (1662-1714, Wales) zum Gebet in
Daniel 9 weitermache, will ich noch Folgendes sagen: Mir ist bewusst, dass es nicht so leicht möglich
ist, einfach mit Teil 2 fortzufahren, ohne erneut durch den ersten Beitrag gegangen zu sein. Während
ich mich intensiv mit dem Daniel-9-Gebet beschäftigt habe, ging es mir selber so, dass ich wiederholt
durch das Thema und das Gebet von Daniel gehen musste, um mir die verschiedenen Aspekte und
deren Tiefe zu erarbeiten bzw. überhaupt erarbeiten zu können. Deshalb empfehle ich vor dem
Weiterlesen, zumindest das Gebet in Daniel 9 nochmals anzuschauen.
- Appell an die Barmherzigkeit YHWHs, an die langjährigen Zeichen Seiner Gunst gegenüber Israel
und an Sein Interesse an ihrer Ehre.
Es ist für sie ein gewisser Trost (und zwar kein geringer), dass YHWH immer bereit war, Sünden zu
vergeben (V. 9): YHWH gehören Barmherzigkeit und Vergebung; dies bezieht sich auf die
Verkündigung Seines Namens in 2. Mose 34,6-7: Adonai YHWH, gnädig und barmherzig, der
Ungerechtigkeit vergibt.
Es ist ermutigend, sich daran zu erinnern, dass Barmherzigkeit zu YHWH gehört, so wie es für das
Volk Elohims überzeugend und demütigend ist, sich daran zu erinnern, dass Gerechtigkeit zu Ihm
gehört; und diejenigen, die Ihm die Ehre Seiner Gerechtigkeit geben, dürfen den Trost Seiner
Barmherzigkeit für sich in Anspruch nehmen (Psalm 62,12). Es gibt reichlich Barmherzigkeit in
YHWH; Er ist ein Elohim der Vergebung (Nehemia 9,17); Er vermehrt die Vergebung (Jesaja 55,7).
Obwohl wir gegen Ihn rebelliert haben, gibt es bei Ihm doch Barmherzigkeit, vergebende
Barmherzigkeit, selbst für die Rebellischen. - Es ist für Israel ebenfalls eine Stütze, daran zu denken, dass YHWH sich früher verherrlicht hat,
indem ER sie aus Ägypten befreit hat; so weit blickt Daniel zurück, um seinen Glauben zu stärken (V.
15):
Du hast dein Volk früher mit mächtiger Hand aus Ägypten geführt, und willst Du es jetzt nicht mit
derselben mächtigen Hand aus Babylon führen?
Waren sie damals zu einem Volk geformt, und sollen sie jetzt nicht neu geformt und neu gestaltet
werden?
Sind sie jetzt sündig und unwürdig, und waren sie es damals nicht?
Sind ihre Unterdrücker jetzt mächtig und hochmütig, und waren sie es damals nicht?
Und hat YHWH nicht gesagt, dass ihre Befreiung aus Babylon sogar die aus Ägypten in den Schatten
stellen wird (Jeremia 16,14-15)?
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Die Kraft dieses Plädoyers liegt darin, dass „Du dir einen Namen gemacht hast, dir einen Ruf
erworben hast“ (so lautet das Wort) „bis zum heutigen Tag, indem du uns aus Ägypten herausgeführt
hast; und willst du diesen Ruhm verlieren, indem du uns in Babylon zugrunde gehen lässt? Hast du
dir durch diese Befreiung, die wir so oft gefeiert haben, einen Namen gemacht, und willst du dir jetzt
nicht auch durch diese, um die wir so oft gebetet und auf die wir so lange gewartet haben, einen
Namen machen?“
- Hier wird eine unerträgliche Klage über die Schmach, unter der YHWHs Volk litt, und über die
Zerstörung, in der sich YHWHs Heiligtum befand, vorgebracht, beides Dinge, die sehr zur Schande
YHWHs und zur Schwächung Seines Namens und Seines Ruhmes beitrugen, den Er sich durch die
Befreiung aus Ägypten erworben hatte.
a. YHWHs heiliges Volk wurde verachtet. Durch ihre Sünden und die Ungerechtigkeiten ihrer Väter
hatten sie ihre Krone entweiht und sich selbst verächtlich gemacht. Und obwohl sie dem Namen und
Bekenntnis nach YHWHs Volk sind und in dieser Hinsicht wahrhaft groß und ehrenhaft, wurden sie
doch zu einem Vorwurf für alle, die um sie herum waren. Ihre Nachbarn verspotteten sie und
triumphierten über ihre Schande. Sünde ist eine Schande für jedes Volk, aber besonders für YHWHs
Volk, das mehr Augen auf sich zieht und mehr Ehre zu verlieren hat als andere Völker.
b. YHWHs heiliger Ort war verwüstet. Jerusalem, die heilige Stadt, war eine Schande (V. 16), als sie
in Trümmern lag; sie war ein Entsetzen und ein Spott für alle, die vorbeikamen. Das Heiligtum, das
heilige Haus, war verwüstet (V. 17), die Altäre waren zerstört und alle Gebäude in Schutt und Asche
gelegt. Die Verwüstung des Heiligtums ist der Kummer aller Heiligen, die all ihren Trost in dieser Welt
in den Trümmern des Heiligtums begraben sehen. - Hier ist eine eindringliche Bitte an YHWH. Die Bitte ist sehr dringlich, denn YHWH erlaubt uns, im
Gebet mit Ihm zu ringen: „O YHWH! Ich flehe dich an (Vers 16). Wenn du jemals etwas für mich tun
willst, dann tue dies; es ist mein Herzenswunsch und mein Gebet. YHWH, erhöre das Gebet deines
Knechtes und seine Bitte (V. 17) und gib ihm eine Antwort des Friedens.
Was sind nun seine Bitten? Was sind seine Wünsche?
a. Dass YHWH Seinen Zorn von ihnen abwenden möge; das ist es, was alle Heiligen mehr als alles
andere fürchten und ablehnen: O wende deinen Zorn von deinem Jerusalem, deinem heiligen Berg,
ab (V. 16)! Er betet nicht darum, dass ihre Gefangenschaft aufgehoben wird, sondern er betet zuerst
darum, dass YHWHs Zorn abgewendet wird. Nimm die Ursache weg, und die Wirkung wird aufhören.
b. Dass Er das Licht Seines Angesichts über sie erheben würde (V. 17): „Lass dein Angesicht
leuchten über deinem verwüsteten Heiligtum; kehre in deiner Gnade zu uns zurück und zeige, dass
du mit uns versöhnt bist, dann wird alles gut werden.“ Das Leuchten des Angesichts YHWHs über
den Verwüstungen des Heiligtums ist alles, was für dessen Wiederherstellung notwendig ist; und auf
diesem Fundament muss es wieder aufgebaut werden. Wenn also Sein Volk ihre Arbeit am richtigen
Ende beginnen will, muss es zuerst ernsthaft zu YHWH um Seine Gunst beten und Ihm ihr
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verwüstetes Heiligtum ans Herz legen. Lass dein Angesicht leuchten, dann werden wir gerettet sein
(Ps 80,4).
c. Dass Er ihre Sünden vergebe und dann ihre Befreiung beschleunige (V. 19): „O YHWH, höre; oh
YHWH, vergib. Damit die erbetene Gnade in Gnade gewährt werde, lass die Sünde, die zwischen
uns und dich/YHWH zu treten droht, beseitigt werden: O Herr, höre und handle, höre nicht nur und
sprich nicht nur, sondern höre und handle; tue für uns, was niemand sonst tun kann, und tue es
schnell – zögere nicht, oh mein YHWH!“
Nun, da Daniel den festgesetzten Tag für die Erfüllung der Prophetie der 70 Jahre näher kommen
sah, konnte er im Glauben beten, dass YHWH sich beeilen und nicht zögern möge.
Auch David betet oft: Beeile dich, o YHWH, mir zu helfen.
- Hier sind einige Bitten und Argumente, um die „Petitionen“ durchzusetzen. YHWH erlaubt uns
nicht, nur zu beten, sondern auch zu Ihm zu flehen, was nicht bedeutet, Ihn zu bewegen (Er selbst
weiß, was Er tun wird), sondern uns selbst zu bewegen, unsere volle Entschlossenheit zu wecken
und unseren Glauben zu stärken.
a. Sie verachten es, sich auf ihre eigene Gerechtigkeit zu verlassen; sie geben vor, nichts anderes als
YHWHs Zorn und Fluch zu verdienen (V. 18): „Wir bringen unsere Bitten nicht vor dich in der
Hoffnung, dass unsere Gerechtigkeit Erfolg haben wird, als wären wir würdig, deine Gunst für
irgendetwas Gutes in uns oder von uns getan zu erhalten, oder könnten irgendetwas als Schuld
einfordern; wir können nicht auf unserer eigenen Rechtfertigung bestehen, nein, selbst wenn wir
gerechter wären, als wir sind; nein, selbst wenn wir nichts Falsches an uns wüssten, wären wir
dadurch nicht gerechtfertigt, noch würden wir antworten, sondern wir würden unseren Richter
anflehen …“ Mose hatte Israel schon lange zuvor gesagt, dass alles, was YHWH für sie tat, nicht
wegen ihrer Gerechtigkeit geschah (5. Mose 9,4-5). Und Hesekiel hatte ihnen kürzlich gesagt, dass
ihre Rückkehr aus Babylon nicht um ihretwillen geschehen würde (Hesekiel 36,22.32).
Wann immer wir zu YHWH kommen, um Gnade zu erlangen, müssen wir alle Selbstgefälligkeit und
unser Vertrauen in unsere eigene Gerechtigkeit beiseite legen.
b. Sie schöpfen ihre Ermutigung im Gebet allein aus YHWH, da sie wissen, dass Seine Gründe für
Barmherzigkeit aus Seinem Inneren kommen, und deshalb müssen wir alle unsere Bitten um
Barmherzigkeit von Ihm entlehnen und Ihm so Ehre erweisen, wenn wir Ihn um Gnade und
Barmherzigkeit bitten.
c „Tu es um deinetwillen (V. 19), um deinen eigenen Ratschluss zu erfüllen, dein eigenes
Versprechen zu erfüllen und deine eigene Herrlichkeit zu offenbaren.“
YHWH wird Sein eigenes Werk tun, nicht nur auf Seine eigene Weise und zu Seiner eigenen Zeit,
sondern um Seiner selbst willen, und so müssen wir es auch annehmen.
d. „Tu es um Yeshuas willen“, um des verheißenen Messias willen (denn letztendlich geht es um
seine Feinde, Psalm 110,1). Und um der Barmherzigkeit willen wird für die Gemeinde um des
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Menschensohnes willen gebetet (Psalm 80,18), und um deines Wortes willen ist er der Meister über
alles. Um seinetwillen lässt YHWH Sein Angesicht über den Sündern leuchten, wenn sie Buße tun
und sich Ihm zuwenden, wegen des Opfers, das Er erbracht hat. In all unseren Gebeten muss dies
daher unsere Bitte sein; wir müssen uns auf Seine Gerechtigkeit beziehen (Psalm 71,16). Schau auf
das Angesicht des Gesalbten. Er selbst hat uns angewiesen, in seinem Namen zu bitten (Johannes
14,13-14).
e.„Tu es nach deiner ganzen Gerechtigkeit (V. 16), das heißt, tritt für uns gegen unsere Verfolger und
Unterdrücker ein, gemäß deiner Gerechtigkeit. Obwohl wir selbst vor YHWH ungerecht sind, haben
wir doch in Bezug auf sie eine gerechte Sache, die wir dem gerechten YHWH überlassen, damit Er
sie richtet.“ Oder besser gesagt, mit der Gerechtigkeit YHWHs ist hier Seine Treue zu Seinen
Verheißungen gemeint. YHWH hatte gemäß Seiner Gerechtigkeit die Drohung ausgeführt (Vers 11).
„Nun, YHWH, willst du nicht nach deiner ganzen Gerechtigkeit handeln? Willst du nicht deinen
Verheißungen ebenso treu sein wie deinen Drohungen und auch diese erfüllen?“
f. „Tu es um deiner großen Barmherzigkeit willen (V. 18), damit offenbar wird, dass du ein
barmherziger Elohim bist.“ Die guten Dinge, um die wir YHWH bitten, nennen wir Gnade, weil wir sie
allein aus YHWHs Gnade erwarten. Und weil Elend das eigentliche Objekt der Gnade ist, breitet der
Prophet hier den beklagenswerten Zustand der Gemeinde vor YHWH aus, um Sein Mitgefühl zu
wecken: „Öffne deine Augen und sieh unsere Verwüstungen, besonders die Verwüstungen des
Heiligtums. O schau mit Mitgefühl auf diesen erbärmlichen Fall!“
Die Verwüstungen der Gemeinde müssen im Gebet vor YHWH gebracht und dann Ihm überlassen
werden.
g. „Tu es um unserer Beziehung zu dir willen. Das verwüstete Heiligtum ist dein Heiligtum (V. 17),
deiner Ehre geweiht, in deinem Dienst verwendet und der Ort deiner Wohnung. Jerusalem ist deine
Stadt und dein heiliger Berg (V. 16); es ist die Stadt, die nach deinem Namen benannt ist (V. 18)“. Es
war die Stadt, die YHWH aus allen Stämmen Israels ausgewählt hatte, um Seinen Namen dort zu
verewigen. „Das Volk, das zum Spott geworden ist, ist dein Volk, und dein Name leidet unter dem
Spott, der auf sie geworfen wird (V. 16); sie sind nach deinem Namen benannt (V. 19). YHWH, du
hast einen Anteil an ihnen und bist daher an ihren Interessen beteiligt; willst du nicht für die Deinen
sorgen, für die Interessen deines Hauses? Sie sind dein, rette sie“ (Psalm 119,94).
Im Teil 3 wird es dann etwas persönlicher, es geht außerdem um einzelne hebräische Worte aus dem
Daniel Gebet.
Shalom
Rivkah
