Bitterkeit und die Grundannahme, dass die Welt gerecht ist, Teil 5

Biblische und psychologische Ansätze für eine Definition
Bitterkeit kann auch mit einer anderen Traumareaktion verbunden sein, was ihre
Identifizierung noch schwieriger macht.
Die Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion (Fight, Flight, Freeze response)
Die Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion ist die körpereigene Art, auf Gefahren zu
reagieren. Sie wird als Reaktion auf als stressig empfundene Ereignisse aktiviert. Dabei
kann es sich um etwas handeln, das unser Leben ernsthaft bedroht. Sie kann aber auch
durch den Stress des täglichen Lebens ausgelöst werden.
Wenn die Stressreaktion aktiviert wird, können wir auf drei Arten reagieren:
Wir bekämpfen die Bedrohung.
Wir flüchten vor der Situation.
- Wir erstarren und bleiben an Ort und Stelle.
Welche Reaktion erfolgt, hängt von der Situation ab und davon, wie wir aufgrund unserer
Erziehung und Kultur zu reagieren gelernt haben. Auch Denkmuster können eine Rolle
spielen. Einige kognitive Verzerrungen können zum Beispiel unsere Stressreaktion
verstärken.
Warum brauchen wir die Stressreaktion?
Die Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktion ist für das Überleben entscheidend. Sie
ermöglicht es uns, auf lebensbedrohliche Situationen schnell zu reagieren.
Sie veranlasst den Körper, einen Ansturm von Hormonen zu produzieren, die uns darauf
vorbereiten, auf die wahrgenommene Bedrohung zu reagieren. Für den Moment der
Gefahr ist die Reaktion sinnvoll, aber später kann sie uns im Leben blockieren.
Die Früchte der Bitterkeit
Wie ist unsere Haltung gegenüber anderen Menschen? Sprechen wir über das, was uns
passiert ist? Wie oft?
Bitterkeit ist ein Gift, das das ganze System vergiftet.
Es zeigt sich in unserer Unterhaltung, es zeigt sich in unseren Taten und in unserer
Einstellung.
Unsere körperliche Gesundheit verschlechtert sich (Arthritis, Gicht, Kropf).
Bitterkeit verunreinigt andere. Oft übertragen Eltern die Bitterkeit auf ihre Kinder, indem sie
eine kritische Haltung einnehmen, immer hart oder negativ sind und eine scharfe Zunge
haben.
Bitterkeit baut Mauern der Isolation (Gefängnisse).
Angst, wieder verletzt zu werden.
Furcht und Misstrauen gegenüber Menschen.
Angst davor, dass innere Verletzungen und Schwächen aufgedeckt werden. („Wenn ich
vergebe, bedeutet das, dass sie ungeschoren davonkommen und mich einfach wieder
verletzen werden“).
Einsamkeit.
Bitterkeit führt immer zum Scheitern von Beziehungen.
Wir schneiden Menschen aus unserem Leben heraus (ohne Schmerz zu empfinden).
Hass, der emotionaler Mord ist.
Kritische Haltung gegenüber anderen.
Sehr empfindlich.
Gibt immer anderen die Schuld. Kann keine festen Beziehungen aufrechterhalten.
Schlechte Erfolgsbilanz.
- Selbstmitleid und Depression.
Der Schaden von zerbrochenen Beziehungen - Ablehnung ist eine Form des Hasses. Wer eine Beziehung abbricht, wählt den Weg des
Hasses. Das wird das Problem niemals lösen. Ignorieren, Schweigen und die Weigerung
zu reden sind Formen des Hasses. - Zerbrochene Beziehungen verursachen blinde Flecken. Diese blinden Flecken hindern
uns daran, uns selbst und andere so zu sehen, wie sie wirklich sind. - Zerbrochene Beziehungen führen zu Gefühllosigkeit. Unser Leben wird egozentrisch,
ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse der anderen. Wir werden „sehr empfindlich“ und
nehmen schnell Anstoß. - Zerbrochene Beziehungen führen zu Unreife. Das emotionale Wachstum eines
Menschen könnte gestoppt worden sein, als er verletzt wurde, und es wird sich wieder
fortsetzen, sobald Heilung und Befreiung stattgefunden haben.
Emotionale Unreife: - Egoismus (will alles nehmen, gibt nichts).
- Eifersucht.
- Wutanfälle (Türen zuschlagen, mit den Füßen stampfen).
- Verlangt immer seinen eigenen Willen.
- Kein absichtliches Bemühen, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen.
- Angeberisch.
- Schmollt/mürrisch (tritt und schreit, wenn man sich widersetzt).
- Bissig – „Dir werde ich es zeigen!“
Wir dürfen erkennen, dass die Reife dadurch entsteht, dass wir in Beziehungen gehen und
mit ihnen umgehen! Wie viel erwartest du als Gegenleistung, wenn du gibst?
Wenn du ein Baby bist, bist du ein totaler Nehmer. Wenn du erwachsen wirst, musst du
reifen, um ein totaler Geber zu werden. Manchmal braucht es Zeit, bis unsere inneren
Anteile wachsen, vielleicht ähneln sie noch einem Kleinkind, und dann brauchen diese
Anteile Heilung. Das ist ein Prozess.
Schutzpanzer der Bitterkeit (Verena König)
Es ist notwendig, Bitterkeit als eine Reaktion zu verstehen und auch zu begreifen, wie
Bitterkeit eine Folge eines Traumas zur sogenannten posttraumatischen Bitterkeitsstörung
sein kann.
Viele Menschen, die bemerkt haben, dass sie nicht privilegiert genug sind, um bestimmte
Hilfen zu erhalten, fühlen sich ausgegrenzt, ungerecht behandelt, nicht gesehen und
dementsprechend einfach verbittert.
Bitterkeit wird definiert als eine komplexe Reaktion auf eine Erfahrung, die als
enttäuschend, verletzend oder zutiefst ungerecht empfunden wurde und auf die es keine
angemessene Antwort und keinen Ausgleich, keinen Trost, kein Wahrgenommen- und
Gesehenwerden gab.
Sie entsteht, wo eine Verletzung nicht gesehen, der Schmerz nicht erkannt und eine
Verletzung nicht auf einer Wertebene, auf einer Selbstwertebene, auf einer Würdeebene
aufgefangen wurde.
Es ist also auch eine Folge einer Reaktion auf ein erschüttertes Vertrauen in Menschen,
die zur Situation oder zum Leben gehören, oder oft auch auf sich selbst.
Bitterkeit entsteht auch, wenn ein Ereignis nicht verdaut, d. h. nicht integriert werden
konnte, und sie erinnert an eine Substanz, die sich im emotionalen System ablagert, wie
etwas, das dort kleben bleibt. Also nicht direkt giftig im klassischen Sinne, sondern schwer
und dunkel und irgendwie anhaftend.
Menschen, die verbittert wirken, führen oft einen inneren Kampf zwischen dem Wunsch
nach Verbundenheit und auch der Angst, wieder verletzt zu werden, und schützen sich mit
ihrer Verbitterung.
So könnte man vielleicht sagen, dass in der tiefen Bitterkeit oft der verhärtete Schmerz
eines Verlustes steckt, der nicht verarbeitet und absorbiert wurde. Was hier im
Wesentlichen verloren gegangen ist, ist die Hoffnung, das Gefühl, dass es in dieser Welt
Gerechtigkeit gibt und dass die Würde ihren Platz hat.
(Wir wissen, dass dies mit der Torah und dem Leben in einer Bundesbeziehung mit
unserem Schöpfer zusammenhängt.)
Verbitterungsstörung
Bitterkeit ist jedoch etwas, das auch wieder losgelassen werden kann – anders als
Verbitterung, die eine chronische Form der Bitterkeit ist. Sie ist wie ein leises, tiefes
Grollen, kein lauter Schrei, keine sichtbare Träne, sondern eher eine langsame und
anhaltende Art der Empörung, die sich mit der Zeit in einen schützenden Mantel aus
Misstrauen und Distanz hüllt.
Verbitterung färbt das Klima in der inneren Welt eines Menschen, der sich tief verletzt,
abgewertet und allein gelassen fühlt.
Verbitterung ist also so etwas wie der Schmerz über das geschehene Unrecht, dem keine
Wiedergutmachung gefolgt ist.
- Verbitterung steht in engem Zusammenhang mit dem Verlust des Glaubens an eine
gerechte Welt, ein Ausdruck tiefster Enttäuschung von Menschen oder der Menschheit
selbst.
„Ich habe den Glauben an die Menschheit verloren und ich werde mich nicht mehr öffnen
und nicht mehr zugänglich machen, weil es sowieso wieder böse enden wird.“
Hier sehen wir auch, dass Verbitterung eine Art Schutzpanzer sein kann.
Hinter diesem Panzer verbirgt sich oft die tiefe desillusionierte Überzeugung, dass
sowieso nichts hilft, eine tiefe Niedergeschlagenheit, eine innere Antizipation des
Scheiterns in der Zukunft. Es gibt eine bittere Hoffnungslosigkeit und Verzagtheit, die auch
im Kampf mit dem Schicksal zum Ausdruck kommt, wo es immer nur darum geht, warum
etwas passiert ist.
Also ein Blick in die Vergangenheit, anstatt zu schauen, wie ich damit umgehen kann und
wo ich Hilfe finde.
Aus der Perspektive der Verbitterung wird es ohnehin nichts nützen und schief gehen, und
deshalb steckt man hinter seinem Panzer der Verbitterung fest.
Das führt tatsächlich oft dazu, dass Menschen mit enormer Verbitterung sich resistent
gegenüber Gebet oder Seelsorge zeigen. Manchmal suchen sie keine Hilfe, weil sie keine
Hilfe wollen, weil die Hilfe bedrohlich ist, weil sie ihnen die Rüstung wegnehmen könnte!
Da sitzt jemand symbolisch und oft sehr anschaulich mit verschränkten Armen da, sieht
nachtragend und wütend aus und will eigentlich gar nicht berührt werden, wie ein trotziges
Kind, das eigentlich jedes Hilfsangebot für lächerlich hält, weil es sowieso zu spät ist.
Es geht nicht darum, sich entmutigen zu lassen – sondern zu sehen, dass diese
Verbitterung in Wirklichkeit das Ergebnis von zu viel Verletzung der Würde und
Enttäuschung auf menschlicher Seite ist.
Zur traumatischen Erfahrung gehört, dass man Gewalt erlebt hat, dass man
Machtmissbrauch ausgesetzt war – dass es nicht geholfen hat, ein Mensch mit Gefühlen
und Bedürfnissen zu sein, sondern dass man einfach weggeworfen, verraten, schlecht
behandelt wurde und vielleicht sogar andere dabei zugesehen haben. Der Glaube an eine
gerechte Welt ist zerbrochen.
Wenn ich den Schutzpanzer einer Verbitterung trage, kann ich nicht gleichzeitig die
Waffenrüstung Elohims tragen.
Kommen wir eigentlich mit dem Glauben an eine gerechte Welt in dieses Leben?
In unserer Kindheit lernen wir zunächst, an das Gerechte und Gute zu glauben. Das ist
gewissermaßen eine Voreinstellung in uns (von YHWH) und wir suchen während unserer
gesamten Kindheit danach, wir passen uns an Ungerechtigkeiten an, um sie
auszugleichen.
Wir sehnen uns nach einer tov-Welt, die in der Schöpfungsordnung funktioniert. Aber seit
dem Sündenfall ist die Welt nicht mehr tov/gut.
Deshalb entwickeln wir komplexe emotionale und psychologische Überlebensstrategien, ja
komplexe Glaubenssysteme und Selbstbilder, weil wir glauben wollen, dass es irgendwie
eine Zadiq-Welt, eine gerechte Welt gibt und dass die Menschen zadiq/gerecht sind.
Aber gibt es Zedeqah/Gerechtigkieit außerhalb der Torah?
Geht es nicht vielmehr darum zu verstehen, woher wir kommen?
Psalm 51,7: Siehe, in Schuld bin ich geboren, und in Sünde hat mich meine Mutter
empfangen.
Nacham, trösten
Wenn ich den Schutzmantel der Bitterkeit trage, erreicht mich der Trost des Vaters nicht.
Jesaja 40,1-2: Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Elohim. Redet zum Herzen
Jerusalems und ruft ihr zu, dass ihr Frondienst vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist;
denn sie hat von der Hand YHWHs Zweifaches empfangen für alle ihre Sünden.
Nacham/Trösten vermittelt ein dynamisches Spektrum von Ideen, die sich um zwei Pole
gruppieren: tiefe emotionale Bewegung (Kummer, Trauer, Mitleid) und entscheidende
Veränderung (nachgeben, umkehren, getröstet werden).
Es scheint YHWHs Zeitplan zu sein, dass wir aufwachen und uns von Bitterkeit,
Gewohnheit, Erstarrung und Verzweiflung über unseren Zustand befreien, um den Trost
des Vaters zu empfangen.
Shalom
Rivkah
