Parascha ‚waJeschev‘ וַיֵּשֶׁב = „(Dann) wohnte/siedelte er“

Parascha ‚waJeschev‘ וַיֵּשֶׁב = „(Dann) wohnte/siedelte er“– 1. Mo. 37, 1 – 40, 23;
V1) Ja’akov wohnte – וַיֵּשֶׁב waJeschev im Land der Fremdlingsschaft seines Vaters, im Land K‘naan.
Es folgt ein kurzer Überblick dieser Tora-Lesung:
Die Parascha ‚waJeschev‘, 1. Mose 37–40; schildert chronologisch Jossefs Aufstieg und Prüfungen: von seinen Träumen und dem Verrat seiner Brüder über die Tamar-Episode bis zu seiner Gefangenschaft in Ägypten und der Deutung von Träumen im Kerker.
Kp. 37 – Jossef und seine Brüder
• Jossef wurde von Ja‘akov bevorzugt; er träumte von seiner Erhöhung;
• seine Halbbrüder hassten ihn, deshalb verkauften sie ihn an Händler;
• Ja‘akov glaubte durch Gewandtäuschung an seinen Tod;
Kp. 38 – Jehuda und Tamar
• nachdem Jehudas Söhne gestorben waren, verkleidete sich eines Tages Tamar;
• Sie wurde schwanger und gebar die Zwillinge Perez und Serach;
Kp. 39 – Jossef im Haus Potifars
• Jossef als Sklave erfolgreich, widerstand einer Verführung;
• falsch beschuldigt, kam er ins Gefängnis, doch Elohim schenkt ihm Gunst;
Kp. 40 – Jossefs Traumdeutungen im Gefängnis
• Jossef deutete Träume von einem Mundschenk und einem Bäcker;
• die Voraussagen erfüllen sich, doch der Mundschenk vergass ihn;
Diesmal möchte ich das eingeschobene Kapitel 38 mit euch behandeln, in welchem wir Ja’akovs Sohn Jehuda näher in Betracht ziehen.
Jehuda und seine Schwiegertochter Tamar
V1) In jener Zeit trug es sich zu, daß Jehuda [weg] von seinen Brüdern hinabzog, um zu einem Mann namens Chira – חִירָה zu ziehen, der in [einer Ortschaft] Adulam lebte.
V2) Dort hatte Jehuda die Tochter eines k‘naanitischen Mannes mit Namen Schua gesehen. Er nahm sie [zur Frau] und ging zu ihr ein.
V3) Sie wurde schwanger und gebar einen Sohn, dem gab er den Namen Er – עֵר, was „wachsam“ bedeutet oder bedeuten könnte.
V4) Abermals wurde sie schwanger und gebar [noch] einen Sohn; dem gab sie den Namen Onan – אוֹנָן , was „stark“ und „kräftig“ bedeuten mag.
V5) Noch einmal gebar sie einen Sohn, dem gab sie den Namen Schela – שֵׁלָה, was „Bitte“ und auch „ruhig“ bedeuten kann. Jehuda war aber zu Chesiv – כְזִיב, als sie ihn gebar.
= Kp. 38 ist ein Einschub in die Josseferzählung, in der es um Jehuda geht. Er hatte sich von seiner Familie entfernt und führte ein gottloses Leben. Jehuda befreundete sich mit Chira חִירָה (= „Bestimmung“), dem Adulami(ter) עֲדֻלָּמִי (“Ruheplatz” königliche Stadt).
Deswegen heiratete er eine K‘naaniterin, deren Name hier nicht genannt wird, nur der Name von ihrem Vater Schua. Von ihr bekam er 3 Söhne: Er, Onan und Serach.
Die Namensdeutungen hier sind nicht ganz eindeutig. Trotzdem müssen sie in unserem Text von Bedeutung sein.
- – er עֵר | ערר / עור / ער | = wach/“Wächter”; „wachsam“; „Erwachen“; es mag ggf. ein Wortspiel mit „böse“ = „ra’a“ sein;
Morphologie und Wort-Wurzelspiel: Die Form עֵר lässt sich an das Feld von ער/עור anbinden: „wach sein“, „aufwachen“, „wachsam sein“. Dadurch entsteht die Deutung als „Wächter“ oder „Wachender“. In knappen Personennamen ist die Nominalisierung solcher Verben üblich.
- – onan אוֹנָן |von און on = Kraft, Stärke; (auch „Unheil/Elend“ in Nominalableitung)
– Wurzel און on:Zweifach nuanciert: Kraft/Stärke: און bezeichnet oft „Stärke“, „Vigor“, „Tatkraft“. „Onan“ wäre dann „Der Kräftige“ oder „mit Kraft ausgestattet“.
- – schela שֵׁלָה von שאל = fragen, bitten; שלו = ruhig; שלח = schicken | somit: Bitte / Petition; auch „Ruhe“ / „Gelassenheit“;
– שאל = fragen/bitten: das ergibt die Deutung „Bitte“ oder „Petition“.
– שלו = „ruhig“ oder „gelassen“: es könnte „Ruhe“, „Gelassenheit“ nahelegen; formal passt die Vokalisation, semantisch ist sie elegant, aber weniger belegt.
Wir fahren in unserem Text mit den Versen 6–10 fort:
Jehuda fand als Vater seinem ältesten Sohn wohl auch eine k‘na‘anitische Frau mit Namen Tamar. Doch weil Er in Bosheit vor Elohim wandelte, so sagt der Text hier, ließ Gott ihn sterben. Darum gab Jehuda Tamar seinem zweiten Sohn Onan in der Schwagerehe. Dieser verschüttete seinen Samen beim Geschlechtsverkehr, sodass Tamar nicht schwanger wurde. Deswegen starb auch dieser. Jetzt vertröstete Jehuda Tamar.
V11) Da sagte Jehuda zu seiner Schwiegertochter Tamar: „Bleibe Witwe im Haus deines Vaters, bis mein Sohn Schela groß sein wird!“ Denn er sagte [sich]: ‚Daß nicht auch er sterbe wie seine Brüder!‘ So ging Tamar hin und blieb im Haus ihres Vaters.
Jehuda wies Tamar an, als Witwe im Haus ihres Vaters zu bleiben, bis sein jüngster Sohn Schela erwachsen sei. Viele Jahre vergingen, und Jehudas Frau starb. Nach der Trauerzeit zog Jehuda mit seinem Freund Hira nach Timna zur Schafschur. Als Tamar davon erfuhr, legte sie ihre Witwenkleider ab, verhüllte sich mit einem Schleier und setzte sich am Weg nach Enajim. Sie tat dies, weil Schela inzwischen groß geworden war, ihr aber nicht zur Frau gegeben wurde.
In der Verspassage 15 bis 18 sah Jehuda Tamar, wie sie verhüllt und daher nicht von ihm erkannt ward, so dass er sie für eine Hure hielt. Als er bat, mit ihr zu liegen, verlangte Tamar ein Pfand, bis er ihr das versprochene Ziegenböcklein senden würde. So gab er ihr seinen Siegelring, die Schnur und den Hirtenstab – und Tamar wurde schwanger von ihm.
= Nachdem auch Jehudas Ehefrau verstorben war, traf er eines Tages auf eine verkleidete Tempelhure, wie er dachte. Ohne zu wissen, dass es seine Schwiegertocher Tamar war, ging er zu ihr ein und gab ihr einen dreifachen Pfand als Pfand für ihren „Hurenlohn“, der ein Ziegenböcklein war:
1.) einen silbernen Siegelring, und
2.) mit einer Schnur (ptil).
= an dieser Schnur hing dieser Siegelring
3.) seinen Stecken, mit dem er die Schafe hütete.
Die K‘naaniter haben eine Tempelprostitution mit dem Baal betrieben bzw. für Astarte, der weiblichen Naturgottheit.So kam es, dass Tamar von ihm schwanger wurde.
V19) Darauf machte sie sich auf und ging fort. Dann legte sie ihren Schleier von sich ab und zog die Kleider ihrer Witwenschaft [wieder] an.
V20) Jehuda sandte [ihr] das Ziegenböcklein durch die Hand seines Freundes, des Adullamiters, um das Pfand aus der Hand der Frau zu holen. Doch er fand sie nicht.
V21) Da fragte er die Leute ihres Ortes: „Wo ist jene Weihdirne – קְּדֵשָׁה kedescha, die zu Enajim (= Doppelquelle“) am Weg war?“ Sie antworteten: „Es ist keine Weihdirne hier gewesen.“
V22) Dann kehrte er zu Jehuda zurück und sprach: „Ich habe sie nicht gefunden. Auch sagten die Leute des Ortes: ‚Keine Weihdirne ist hier gewesen.‘
V23) Da sagte Jehuda: „Sie soll es bei sich behalten, damit wir nicht zum Gespött werden. Siehe, ich habe ja dieses Böckchen gesandt, und du hast sie nicht gefunden.“
= Auf die Nachricht seines mit dem Böckchen unverrichteter Sache zurückkehrenden Freundes hin beschloß Jehuda, seine Pfände der Dirne zu überlassen, um nicht durch weitere Nachforschungen sich dem Spotte der Leute auszusetzen. Der Wert des Pfands war unstreitig mehr wert als das Ziegenböcklein.
V24) Nach etwa drei Monaten wurde dem Jehuda berichtet: „Deine Schwiegertochter Tamar hat Hurerei getrieben. Sie ist von Hurerei sogar schwanger geworden.“ Da sprach Jehuda: „Führt sie hinaus, damit sie verbrannt werde!“
= Er befahl kraft seiner stammväterlichen Macht, sie hinauszuführen und zu verbrennen.
V25) Als sie dann hinausgeführt wurde, sandte sie zu ihrem Schwiegervater und ließ [ihm] sagen: „Von einem Mann, dem dies gehört, bin ich schwanger geworden.“ Weiter sprach sie: „Untersuche doch, wem dieser Siegelring, diese Schnur und dieser Stab gehört!“
= Als nun Tamar hinausgeführt ward, schickte sie Jehuda die als Pfand behaltenen Sachen. Jehuda erkannte die Sachen als die Seinigen.
In der Verurteilung der Tamar hatte Jehuda sich selbst das Urteil gesprochen. Seine Verurteilung aber bestand nicht bloss darin, dass er sich von Fleischeslust mit einer vermeintlichen öffentlichen k‘naanitischen Dirne eingelassen hatte, sondern vielmehr darin, dass er seine Schwiegertochter durch das unwahre Versprechen, ihr seinen Sohn Schela zum Manne geben zu wollen, zu dem ihm gespielten Betruge und Verbrechen verleitet hatte.
Sie hatte nicht aus Wohllust, sondern nur aus dem einer Frau angeborenen Verlangen nach Kindern sich zu diesem Vergehen treiben lassen.
V26) Da untersuchte es Jehuda und sagte: „Sie ist gerechter als ich, deswegen weil ich sie meinem Sohn Schela nicht gegeben habe.“ Er aber erkannte sie künftig nicht mehr.
= Jehuda erkannte seine Schuld nicht nur, sondern er bekannte sie auch, dadurch dass er sich weiter nicht mehr mit ihr einließ. Es zeigt, dass er sich seiner Wollust nicht mehr hingab. Weil er sich aber auch demütigte, so gab Gott ihm Gnade, und er erhob ihn nicht nur zum Fürsten Israels, sondern segnete auch seine mit Tamar in Sünde gezeugte Leibesfrucht.
V27) Als sie dann gebären sollte, zeigte es sich, dass sich Zwillinge in ihrem Leib befanden.
V28) Während sie nun am Entbinden war, da streckte [der eine] die Hand heraus. Die Hebamme nahm sie und band eine scharlachrote – שָׁנִי schani Schnur um seine Hand und sprach: „Dieser ist [doch] zuerst herausgekommen.“
V29) Als er seine Hand [wieder] zurückzog, da kam jedoch sein Bruder [zuerst] hervor. Sie rief [verwundert]: „Was hast du für dich [da] einen Durchbruch – פָּרֶץ parez gerissen – פָּרַצְתָּ parazta!“ Darum gab man ihm den Namen Parez – פָּרֶץ, was „Riß“oder „Durchbruch“ bedeutet.
V30) [Erst] danach kam sein Bruder heraus, um dessen Hand der Karmesinfaden [gebunden] war. Dem gab man den Namen Serach – זָרַח. Das bdeutet „Hervorgang“ oder „Aufgang“.
= Die Geburt von Tamars Zwillingen, wie sie hier in den Versen 27 – 30 geschildert werden, war alles andere als gewöhnlich.
Zuerst streckte Serach seine kleine Hand aus dem Mutterleib – ein Zeichen, dass er der Erstgeborene sein würde. Doch seine Lage war eine Querlage mit Armvorfall, was eine hochriskante Anomalie darstellte: hätte er weiter gedrängt, wäre die Geburt für Mutter und Kinder lebensgefährlich geworden.
Die Hebamme band einen roten Faden um seine Hand, um ihn als Erstling zu kennzeichnen. Doch dann geschah das Unerwartete: Serach zog die Hand zurück, löste sich aus der Querlage – und in diesem Moment nutzte sein Bruder Perez die Gelegenheit. Er drängte sich vor, fand eine günstigere Position und schaffte den eigentlichen „Durchbruch“ oder das „Hervortreten“, was die Geburt darstellt.
Zwillinge können sich, wenn auch selten, noch im letzten Moment umpositionieren. Genau das geschah hier: Serach hätte in seiner Querlage nicht geboren werden können. Doch durch den Rückzug seiner Hand kam es zu einer spontanen Umlagerung der Zwillinge. Für die Hebamme war dies so überraschend, dass sie ausrief: „Wie bist du durchgebrochen!“ Darum erhielt er den Namen Perez – „der Durchbruch, der Riss“.
So wurde Perez zuerst geboren, sein Name spiegelt den dramatischen Vorgang wider. Erst danach kam Serach, der „Aufgehende“, zur Welt – derjenige, der zuerst erscheinen wollte, aber zurückstehen musste.
Aus moderner Sicht war dies eine seltene, fast paradoxe Geburtsdynamik: ein Armvorfall, spontane Rückverlagerung und Positionswechsel, gefolgt von einem überraschenden Reihenfolgewechsel der Zwillinge. Deshalb ist der Name Perez nicht nur eine Beschreibung des Geburtsvorgangs, sondern auch ein Symbol für das überraschende Vorpreschen.
Perez wird in den Stammeslisten (1. Mose 46, 12; 4. Mose 26, 20) vor Serach genannt. Er wurde Ahnherr des Stammesfürsten Nachschon (4. Mose 2, 3) und des Königs David (Rut 4, 18; 1. Chr. 2, 5ff). Durch ihn gehört Tamar zu den Ahnfrauen der Geschlechtslinie des Messias.
Diese Geburt ist daher nicht nur medizinisch bemerkenswert, sondern auch heilsgeschichtlich entscheidend: In 1. Mose 49, 8ff wird gesagt, dass die Brüder Jehuda preisen werden – eine Anspielung auf seinen Namen. Denn der Schilo, eine Bezeichnung für den Messias, wird aus seiner Linie hervorgehen.
Ich schließe diese Betrachtung mit einem prophetischen Vers aus Micha 2, 13, wo bei der Sammlung des Überrests Israels der Messias als der „haPorez“ = der Durchbrecher bezeichnet wird. Parez ist somit ein Typus für den kommenden Erlöser.
V13) Der Durchbrecher הַפֹּרֵץ haPorez wird vor ihnen hinaufziehen, durchbrechen werden sie פָּרְצוּ parzu und durch das Tor einherziehen und durch dasselbe hinausziehen. Und ihr König wird vor ihnen einherziehen, ja, der Ewige an ihrer Spitze.
Euch allen wünsche ich einen gesegneten Schabbat!
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