Parascha ‚waEtchanan‘וָאֶתְחַנַּן (= „dann flehte ich“)
Parascha ‚waEtchanan‘ וָאֶתְחַנַּן (= „dann flehte ich“) – 5. Mo. 3, 23 – 7, 11;
V23) Dann flehte ich וָאֶתְחַנַּן waEtchanan zum Ewigen (um Erbarmen) zu jener Zeit, (doch in das Land kommen zu können).
Es folgt hier wieder zunächst ein Überblick des gesamten Inhalts der Parascha:
Kp. 3, 23 –
Mosche schildert, wie er inständig zum Ewigen flehte, doch in das verheißene Land einziehen zu dürfen. Trotz seiner eindringlichen Bitten verweigerte Elohim ihm diesen Wunsch, gestattete ihm jedoch, das Land vom Gipfel des Berges Pissga aus zu überblicken. Zugleich erhielt Mosche den Auftrag, Je‘hoschua zu stärken und ihn zu seinem Nachfolger vorzubereiten und einzusetzen, damit dieser das Volk Israel in das Land führen könne.
Kp. 4
Dieses Kapitel beginnt mit einer eindringlichen Mahnung: Israel soll die Gebote des Ewigen bewahren, ohne ihnen etwas hinzuzufügen oder von ihnen wegzunehmen. Mosche ruft das Ereignis der Offenbarung am Ssinaj in Erinnerung und betont dabei, dass der dort geschlossene Bund niemals vergessen werden darf. Er warnt vor jeder Form von Götzendienst, denn Elohim ist unsichtbar und eifersüchtig. Zugleich kündigt er prophetisch an, dass Israel in Zukunft in ein Exil geraten wird, aber zurückkehren darf, wenn es von Herzen umkehrt. Dann hebt Mosche in seiner Rede die Einzigartigkeit Elohims und die Erwählung Israels hervor, bevor drei Zufluchtsstädte im Ostjordanland eingerichtet werden. Das Kapitel endet mit einer geografischen Einordnung und der Einleitung zur Wiederholung der Tora.
Kp. 5
Hier erinnert Mosche erneut an das Ereignis vom Bund am Ssinaj und wiederholt die ‚Zehn Worte‘ („Zehn Gebote“), die sich in einigen Nuancen von der ersten Fassung in 2. Mose 20 unterscheiden. Damals bat das Volk, Mosche möge als Vermittler sprechen, und Elohim lobte ihre Ehrfurcht. Abschließend ruft Mosche dazu auf, die Gebote gewissenhaft zu befolgen, damit Israel ein gutes und gesegnetes Leben im Land führen kann.
Kp. 6
Mosche eröffnet mit einer erneuten Betonung von Liebe und Ehrfurcht vor dem Ewigen. Es folgt das Schma JisraEl, das zentrale Bekenntnis der Einheit Gottes, sowie das Gebot, den Ewigen mit ganzem Herzen zu lieben. In diesem Zusammenhang werden die T’fillin (Gebetsriemen) und die Mesusa (Segen am Türpfosten) eingeführt. Mosche warnt davor, den Ewigen in Zeiten des Wohlstands zu vergessen und erinnert daran, JaH nicht prüfen zu wollen, wie auf der Wanderung einst in Massa geschah. Schließlich erklärt er, dass die Gebote an die nächste Generation weitergegeben werden sollen, damit die Gottesliebe im Volk lebendig bleibt.
Kp. 7
In diesem Kapitel fordert Mosche eine klare Abgrenzung gegenüber den k‘naanitischen Völkern: Sieben Völkerschaften sollen vollständig vernichtet werden, weil es keine Bündnisse und keine Heiraten mit ihnen geben dürfe: Ihre Götzen und Kultstätten sollen zerstört werden, damit Israel nicht in fremde Kulte verfallen würde. Mosche betont erneut die Erwählung Israels und die Treue Elohims, der aus Liebe und aufgrund des Eides mit den Vorvätern Israel zu seinem heiligen Volk gemacht hat. Elohim erwies Treue über tausend Generationen denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, während diejenigen, die ihn hassen, unmittelbar bestraft werden. Das Kapitel schließt mit dem erneuten Aufruf, alle Gebote gewissenhaft zu befolgen.
Wir werden uns diesmal mit dem ‚Schma Israel‘ aus 5. Mose 6, 4 thematisch tiefer auseinandersetzen:
Das Schma Jisrael steht im Judentum wie ein Herzschlag: schlicht in seinen Worten, aber gewaltig in seiner Bedeutung.
Bevor es zum zentralen Gebet im Sidur wurde – dem Gebet, das morgens und abends in jeder Synagoge gesprochen wird – war es zunächst ein biblischer Ruf, ein Apell zur Treue und zum Gehorsam des Bundes mit dem Ewigen am Sinaj. Doch im Laufe der Jahrhunderte wuchs es zu einem liturgischen Kernstück, indem drei Tora‑Abschnitte miteinander verbunden wurden: a) 5. Mo. 6; b) 5. Mo. 11 und c) 4. Mo. 15.
Diese drei Passagen aus der Tora bilden zusammen eine theologische Einheit:
- die Einheit Elohims, 5. Mo. 6: Höre Israel! Der Ewige ist unser Elohim, der Ewige ist Einer;
- die Vorsehung Elohims, 5. Mo. 11: Gottes Wirken in Segen und Verantwortung;
- die Erlösung Elohims, 4. Mo. 15: Erinnerung an den Auszug und die sichtbaren Zeichen des Bundes;
Damit verbinden sich im Schma fünf Grundpfeiler jüdischer Spiritualität: Glaubensbekenntnis, Gehorsam, Erinnerung, Erziehung und die sichtbaren Zeichen des Bundes: T’fillin, Mesusa und Zizit.
Historisch entstand die heutige Form des Schma, weil das erste Kapitel – weAhavta aus 5. Mo. 6 – bereits früh als tägliches Bekenntnis gesprochen wurde. Später fügte man 5. Mo. 11 hinzu, um die Konsequenzen des Gehorsams und die göttliche Fürsorge zu betonen. Schließlich kam 4. Mo. 15 dazu, da die Zizit als sichtbares Erinnerungszeichen den inneren Glauben nach außen tragen. So wurde aus drei eigenständigen Tora‑Passagen ein einziges Gebet, das die gesamte jüdische Lebenshaltung umfasst.
Im Zentrum aber bleibt das Schma selbst: Hören – Lieben – Erinnern – Handeln. Es ruft dazu auf, Elohims Einheit zu hören, seine Liebe zu erwidern, seine Gebote im Herzen zu tragen und sie im Alltag sichtbar werden zu lassen. So steht das Schma als Einleitung zu allem, was jüdisches Leben prägt – ein kurzer Text, der eine ganze Welt trägt.
Wir betrachten jetzt in die Einzelheiten dieses Gebetes genauer:
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהוָה אֱלֹהֵינוּ יְהוָה אֶחָד
Schmaʿ Jisraʾel, Adonaj Elohejnu, Adonaj ʾechad.
„Höre, Israel: Der Ewige ist unser Elohim, der Ewige ist eins.“
Es folgen einige Videobeiträge als schöne Songs mit unterschiedlichen Aspekten und als Erklärung;
https://www.youtube.com/watch?v=S01cDsga0bE von Schilo ben-Hod (messianisch)
https://www.youtube.com/watch?v=NBeFp3zWSPg Anleitung zum Schma Israel
Der erste Abschnitt des Schma ist das Herzstück der jüdischen Glaubenslehre. Er beginnt mit dem Ruf „Schma JisraEl“, der nicht nur akustisches Hören meint, vielmehr ein Hören, das zum Verstehen, Annehmen und Gehorchen führt.
Die Einheit Gottes wird als „echad“ bezeichnet – ein Begriff, der nicht mathematische Eins meint, sondern die unteilbare, absolute Einheit und Exklusivität Elohims.
Bemerke, dass im Schma die Buchstaben Ajin ע und Dalet ד vergrößert zu den anderen Buchstaben stehen beide zusammen ergeben das Wort Ed עֵד = „Zeuge“. Diese kleine typografische Besonderheit trägt eine große Bedeutung: Wer das Schma spricht, wird selbst zum Zeugen der Einheit Elohims. Rabbiner erklären, dass Israel damit öffentlich bekennt, dass der Ewige Einer ist. Darüber hinaus sehen die Weisen im Wort Ed den Hinweis, dass der Mensch durch Hören, Lieben, Erinnern und Handeln zum lebendigen Zeugnis Elohims wird – ein Zeuge vor Himmel und Erde, der die Einheit Gottes nicht nur spricht, sondern sichtbar lebt.
Hieran schließt sich direkt in 5. Mose 6, 5 das sog. ‚weAhavta‘ an
ה וְאָהַבְתָּ אֵת יְהוָה אֱלֹהֶיךָ בְּכָל-לְבָבְךָ וּבְכָל-נַפְשְׁךָ וּבְכָל-מְאֹדֶךָ:
weAhavta et Adonaj Elohejcha bChol levav’cha u’vChol nafschecha u’vChol me’odecha
auf deutsch: Denn du sollst den Ewigen, Deinen Elohim, lieben von ganzen (inneren) Herzen, mit Deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen (Kraft, Anstrengung).
Mit dem zweiten Teil des Schma folgt das Gebot, den Ewigen mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft zu lieben. Diese Liebe ist im Hebräischen kein Gefühl, vielmehr eine aktive, loyale Treue, oder man kann auch sagen eine Verpflichtung zum geschlossenen Bund mit dem Schöpfer und Allmächtigen des Universums. Diese Liebe ist Befehl und Gebot, die Liebe umfaßt alles ein: sie bindet unsere vollste Anstrengung, unsere vollste Konzentration zu diesem Elohim ein. Weil Gott eifersüchtig ist wie eine Frau eifersüchtig zu ihrem Ehemann ist: Gott will, dass die Liebe jedes Einzelnen sich allein auf ihn konzentriert!
Es folgt ein dritter Teil zum Schma: 5. Mose 6, 8–9:
ו וְהָיוּ הַדְּבָרִים הָאֵלֶּה אֲשֶׁר אָנֹכִי מְצַוְּךָ הַיּוֹם עַל-לְבָבֶךָ:
ז וְשִׁנַּנְתָּם לְבָנֶיךָ וְדִבַּרְתָּ בָּם בְּשִׁבְתְּךָ בְּבֵיתֶךָ וּבְלֶכְתְּךָ בַדֶּרֶךְ וּבְשָׁכְבְּךָ וּבְקוּמֶךָ:
ח וּקְשַׁרְתָּם לְאוֹת עַל-יָדֶךָ וְהָיוּ לְטֹטָפֹת בֵּין עֵינֶיךָ:
ט וּכְתַבְתָּם עַל-מְזֻזוֹת בֵּיתֶךָ וּבִשְׁעָרֶיךָ: ס
weHaju haDvarim haEle ascher anochi mezaw’cha haJom al-levavecha:
weSchinantam lBanejcha weDibarta bam Bschivtecha beBejtecha u’velechtecha vaDerech u’bSchachbecha u’vKumecha;
uKschartam leOt al-jadecha weHaju lTotafot bejn-Ejnecha;
uKtavtam alMesusot bejtecha uVsche’arejcha;
zu deutsch nach Tur-Sinaj:
6 Und es sollen diese Worte, die ich dir heute gebiete, an deinem Herzen sein;
7 und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und von ihnen reden, wenn du in deinem Haus weilst und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst.
8 Und knüpfe sie zu Wunderzeichen an deine Hand, und sie seien zum Wahrzeichen zwischen deinen Augen;
9 und schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore.
Der dritte Teil schließt mit den Geboten der T’fillin תְּפִלִּין (Gebetsriemen) und der Mesusa/ot מְזוּזוֹת (Türpfosten): Die Worte Elohims sollen an der Hand und zwischen den Augen (an der Stirn) getragen und an den Türpfosten (am Eingang zum Haus oder zur Wohnung) befestigt werden – als sichtbare Zeichen der inneren Hingabe: Ja, ich will mit ganzer Hingabe der Liebe zum Ewigen Ausdruck geben: überall und zu jeder Zeit: beim Hinlegen und beim Aufstehen daran denken, der Gebote Gottes, sie an die Stirn sichtbar (um daran zu denken) und an die Hände binden (um sie zu tun) und sie auch am Eingang des Hauses zum Gedächtnis anbringen. Der Liebe Gottes Ausdruck geben mit dem ganzen Sein!
Und schließlich auch den Kindern diese Worte der Tora weitergeben, sie ihnen zu erklären und auswendig lernen lassen, damit sie von Jugend an Gott lieben und in seine mizwot eingebunden werden. Das hebräische Wort „weSchinantam bam“ – „du sollst sie einschärfen“ – klingt im Deutschen streng, doch die Rabbiner verstehen es anders: Die Worte der Tora sollen so klar und vertraut werden, dass sie „geschärft“ im Herzen liegen, jederzeit abrufbar wie etwas oft Wiederholtes. Einschärfen meint daher nicht Härte, sondern eine liebevolle, beständige Einprägung, die das Leben prägt und von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Wir kommen nun zu den beiden zugefügten Tora-Passagen, die das Schma-Gebet zur Einheit lassen werden: Der zweite Abschnitt, der sich dem Schma Israel anfügt, steht in 5. Mo. 11, 13–21:
וְהָיָה אִם־שָׁמֹעַ תִּשְׁמְעוּ אֶל־מִצְוֹתַי
wəHaja iim-schamoaʿ tischməʿu elMitzwotaj…
zu deutsch:
„Und es wird geschehen, wenn ihr meinen Geboten wirklich gehorcht…“
V13 Und es wird sein, wenn ihr hören werdet auf meine Gebote, die ich euch heute gebiete, den Ewigen, euren Gott, zu lieben und ihm zu dienen mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele,
V14 so will ich den Regen eures Landes geben zu seiner Zeit, Frühguß und Nachregen, und du wirst dein Getreide einbringen, deinen Most und deinen Ölsaft.
V15 Und ich gebe Kraut auf deinem Feld für dein Vieh, und du wirst essen und satt werden.
V16 Hütet euch, daß euer Herz nicht betört werde, und ihr fortgeht und anderen Göttern dient und euch vor ihnen niederwerft.
V17 Dann würde des Ewigen Angesicht aufflammen wider euch und er dem Himmel wehren, daß kein Regen ist, und der Boden seinen Ertrag nicht gibt; und ihr würdet rasch dahinschwinden aus dem guten Land, das der Ewige euch gibt.
V18 So legt denn diese meine Worte euch ans Herz und an die Seele; und knüpft sie zur Marke an eure Hand, und sie seien zum Denkzeichen zwischen euren Augen;
V19 und lehrt sie eure Kinder, von ihnen zu reden, wenn du in deinem Haus weilst und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst;
V20 und schreibe sie an die Pfosten deines Hauses und an deine Tore,
V21 auf daß eure und eurer Kinder Tage sich mehren auf dem Boden, den der Ewige euren Vätern zugeschworen, ihn ihnen zu geben, wie die Tage des Himmels über der Erde.
Der zweite Abschnitt des Schma beschreibt die Konsequenzen von Treue und Untreue. Wenn Israel den Geboten folgt, wird Gott Regen zur rechten Zeit geben, das Land wird Frucht tragen, und das Volk wird in Sicherheit leben. Wenn Israel sich jedoch anderen Göttern zuwendet, wird der Himmel verschlossen, und das Land wird seine Frucht verlieren. Dieser Abschnitt betont Gottes Vorsehung und die Verbindung zwischen geistlicher Treue und materieller Realität. Wie im ersten Abschnitt werden T’fillin und Mesusa erneut erwähnt, diesmal mit dem Schwerpunkt auf Erziehung: Die Gebote sollen den Kindern gelehrt werden, damit die Gottesliebe von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Der dritte Abschnitt aus 4. Mo. 15, 37–41:
וּרְאִיתֶם אֹתוֹ וּזְכַרְתֶּם אֶת־כָּל־מִצְוֹת יְהוָה
ur’item oto, u‘Sechartem et-kolMitzwot Adonaj…
Zu deutsch:
„Ihr sollt sie ansehen und euch an alle Gebote des Ewigen erinnern.“
Dieser dritte Abschnitt des Schma handelt vom Gebot der Zizit: Die Quasten an den Ecken des Gewandes sollen Israel ständig daran erinnern, nicht den eigenen Augen und dem eigenen Herzen zu folgen, sondern den Geboten Gottes. Dieser Abschnitt verbindet Erinnerung, Sichtbarkeit und Gehorsam: Die Zizit sind ein physisches Zeichen, das den Menschen davor bewahrt, sich von inneren Impulsen verführen zu lassen. Der Abschnitt endet mit der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten – ein Hinweis darauf, dass die Befreiung Israels die Grundlage seiner Verpflichtung gegenüber Elohim ist.
Das hebräische Verb שָׁמַע – schamaʿ umfasst weit mehr als das bloße Hören. Es ist eines der reichsten und tiefsten Verben der gesamten Hebräischen Bibel, weil es drei Bedeutungsfelder vereint, die im Deutschen getrennt sind: hören, verstehen und gehorchen. Im Schma Israel verschmelzen diese drei Ebenen zu einem einzigen geistlichen Akt, der das ganze Volk in seiner Einheit anspricht.
Zunächst bedeutet schamaʿ das einfache Hören. Israel wird aufgerufen, innezuhalten, die eigene Stimme zum Schweigen zu bringen und die Ohren zu öffnen. Das Schma beginnt mit einem Moment der Sammlung, in dem das Volk als eine einzige Gemeinschaft vor seinem Gott steht. Dieses Hören ist ein stilles Empfangen, ein Sich-Ausrichten auf den göttlichen Ruf. Es ist das erste Tor, durch das Israel tritt, wenn es sich dem Ewigen zuwendet.
Doch im Hebräischen bleibt Hören niemals an der Oberfläche stehen. Schamaʿ bedeutet immer auch verstehen. Das Gehörte soll nicht nur in die Ohren dringen, sondern in das Herz und den Verstand. Israel soll die Worte des Ewigen innerlich bewegen, ihre Bedeutung erfassen und mit dem ganzen Denken durchdringen. Das Schma ruft das Volk dazu auf, die Einheit Gottes nicht nur zu hören, es soll begreifen — mit dem Herzen, das fühlt, und mit dem Verstand, der erkennt. Das Hören wird zu einem inneren Erkennen, zu einer geistigen Klarheit, die das Volk in seiner Identität formt.
Doch die tiefste Nuance des Verbs schamaʿ ist der Gehorsam. Im Hebräischen bedeutet „hören“ immer auch „tun“. Wer hört, der handelt. Wer nicht handelt, hat nicht wirklich gehört. Deshalb ist das Schma ein Bundesakt: Israel soll die Worte des Ewigen hören, sie verstehen und ihnen gehorchen, indem es die Gebote bewahrt und lebt. Das Hören wird zur Tat, das Verstehen zur Treue, das Schweigen zur Hingabe. Wenn die Bibel sagt: „Sie hörten nicht“, meint sie: „Sie gehorchten nicht.“ Das Schma ruft Israel also nicht nur zum Lauschen, stattdessen zur Verwirklichung des Gehörten im eigenen Leben.
So wird das Schma Israel zu einem dreifachen Ruf: Hört — versteht — gehorcht. Ein Ruf, der das ganze Volk umfasst, das als Einheit vor seinem Gott steht. Ein Ruf, der das Herz und den Verstand anspricht. Ein Ruf, der das Hören in Handlung verwandelt. Und ein Ruf, der Israel in die lebendige Beziehung mit dem Ewigen führt, indem es seine Worte nicht nur hört, sondern lebt.
Das Schma Israel verwendet bewusst den Imperativ שְׁמַע, weil dieses Wort Israel in eine dreifache Bewegung ruft: zuerst in die Stille, in der das Volk sich sammelt, schweigt und aufmerksam wird, um als eine geeinte Gemeinschaft vor seinem Gott zu stehen. Dann in das Hören selbst, das im Hebräischen immer Beziehung bedeutet — Israel hört nicht eine Idee, es hört den Ewigen, der spricht. Dieses Hören führt zum inneren Verstehen, bei dem Herz und Verstand gemeinsam erkennen, dass Gott Echad, unteilbar und einzig ist. Schließlich mündet das Hören im Gehorsam: Die Worte des Ewigen sollen nicht nur gehört und verstanden, sondern durch die treue Einhaltung seiner Gebote verwirklicht werden. Obwohl der Imperativ im Singular steht, richtet er sich an ganz Israel als Volksgemeinschaft — ein Volk, ein Herz, ein Bekenntnis, ein Gehorsam. So bedeutet Schma: hören, verstehen und gehorchen — als ein geeintes Volk, das in Stille vor seinem Gott steht und seine Worte im Leben zur Tat werden lässt.
So wie Mosche Israel das Bekenntnis der Einheit Gottes übergab, so greift auch Jeschua im Evangelium auf genau dieses Fundament zurück. Als einer der Sofrim ihn fragte, welches Gebot das wichtigste sei – Markus 12, 28-30 – , verwies er nicht auf eine neue Lehre, sondern auf das älteste und zentrale Bekenntnis Israels. Er begann mit den Worten des Schma Israel: „Schma Jisrael, Adonaj Elohejnu, Adonaj Echad“ – „Höre Israel: Der Ewige, unser Elohim, ist eins.“ Und er fügt unmittelbar das weAhavta hinzu: dass man den Ewigen lieben soll „mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzer Kraft“. Damit macht Jeschua deutlich, dass die Mitte des Glaubens nicht in Ritualen oder Diskussionen liegt, vielmehr in der Anerkennung der göttlichen Einheit und in der Liebe zu Gott, die das ganze Leben durchdringen soll. Damit schließt sich der Bogen von der Tora über die Propheten bis in die Worte Jeschuas:
Das Schma bleibt das Herz des Glaubens – gestern, heute und für kommende Generationen.
Schabbat Schalom, ein friedlicher Schabbes!
(eine abschließender Hinweis: Sowohl für die Bilder als auch für die Textzusammenstellung wurde die Hilfe der KI in Anspruch genommen!)
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