Parascha ‚re’e‘ רְאֵה (= „siehe“)
Parascha ‚re’e‘ רְאֵה (= „siehe“) – 5. Mo. 11, 26 – 16, 17;
V26) Siehe רְאֵה re’e ! Ich lege euch heute den Segen בְּרָכָה bracha und den Fluch קְלָלָה klala vor:
Es folgt zum Einstieg wieder die Übersicht aller relevanten Inhalte dieser Parascha. Doch dieses Mal habe ich eine längere Zusammenfassung zusammengestellt, weil es viele Inhalte umfasst.
Die Parascha ‚re’e‘ eröffnet am Ende des Kp. 11 mit einer grundlegenden Gegenüberstellung von Segen bracha und Fluch klala, die dem Volk Israel vorgelegt wird, sobald es das Land betritt. Das ist nichts Abstraktes, es ist die konkrete Wahl zum Gehorsam an den Bund am Sinaj: Segen folgt dem Hören auf die Gebote, Fluch dem Abweichen und nicht Beachten. Damit wird der gesamte folgende Abschnitt als praktische Ausfaltung dieser Entscheidung lesbar.
Kp. 12 — der Ort, den der Ewige erwählen wird
Israel soll bei der Eroberung des Landes alle Kultstätten der Heidenvölker vollständig zerstören: Altäre, Ascherim, Steinmale, Höhenheiligtümer, weil sie Ausdruck von Götzendienst sind (V 2-3). Auch für das Volk Israel soll die Anbetung nicht mehr „auf jedem hohen Berg“ stattfinden. Stattdessen soll diese an den einen Ort beschränkt werden, „den Ewige erwählen wird, um seinen Namen dort wohnen zu lassen“(V 5). Dort sollen die zentralen Opfer dargebracht werden: korban (Nahebring-Opfer) sevach (Schlachtopfer), olot (Empor-Opfer), ma’aser (Zehntabgabe), die Erstlingsabgabe und die freiwilligen Abgaben. Das Volk soll dort essen und vor dem Ewigen Freude haben (V 7). Ein zentraler Satz des Kapitels lautet: „Achte darauf, den Lewiten nicht zu verlassen, solange du in deinem Land lebst“ (V 19). Dieser Hinweis auf die Versorgung der Lewiten gehört zu den Schlüsselversen der Zentralisierung des Opferdienstes.
Gleichzeitig wird die Erlaubnis gegeben, Fleisch im Alltag essen zu dürfen, jedoch strikt ohne Blut — denn das Blut ist das Leben und gehört allein dem Ewigen (V23-25). Die Zentralisierung des Opferdienstes ist der Kern dieses Kapitels: Israel soll nicht „tun, was jeder für richtig hält“ (V8), sondern sich an die göttliche Ordnung des einen Heiligtums halten.
Kp. 13 — Warnung vor der Verführung zum Dienst an fremden Göttern
In diesem Kapitel werden drei Szenarien der Verführung zum Götzendienst entfaltet. Erstens (V1-6): Ein navi oder Traumseher (cholem chalom) mag Zeichen oder Wunder ankündigen, die sogar eintreffen. Doch wenn er Israel dazu bringen sollte, „anderen Göttern nachzugehen“ (V3), ist er ein falscher Prophet. Die Prüfung besteht darin, ob Israel den Ewigen allein liebt und ihm anhängt, seine Wege geht und seine Gebote einhält (V4). Ein falscher Prophet darf nicht geduldet werden, weil er das Volk Israel vom Ewigen wegführen würde (V5). Zweitens (V7-11): Wenn ein naher Angehöriger — Bruder, Sohn, Tochter, Ehefrau oder der vertraute Freund — heimlich dazu verleitet, fremde Götter zu verehren, darf die familiäre Bindung nicht über die Loyalität an den Ewigen gestellt werden. Der Text betont ausdrücklich die Nähe dieser Beziehung: „der Freund, der dir wie deine eigene Seele ist“ (V. 6). Die Liebe zu Elohim muss über die familiären Bindungen und emotionalen Loyalitäten stehen. Das Volk soll sich nicht von der Intimität dieser Beziehung täuschen lassen, sondern kompromisslos an der Treue zum Ewigen festhalten. Drittens (V12-18): Sollten sich ganze Städte dem Götzendienst zuwenden, muss die Gemeinschaft eingreifen. Zuerst soll sorgfältig untersucht werden, ob die Sache wahr ist und sich bestätigt (V 14). Wenn sich der Abfall bestätigen sollte, dann muss die Stadt vollständig vernichtet werden, damit keine Menschen des „Belija‘al“ בְלִיַּעַל (= Menschen der Verderbnis/der Schändlichkeit) [zukünftig] in Israel Raum gewinnt (V 13). Die Stadt soll dem Bann übergeben, ihr Besitz darf nicht als Beute genommen werden (V 16).Das Ziel ist die Reinigung des Volkes, damit der Ewige seinen Zorn abwendet und Israel weiterhin segnet (V 17–18).
Das Kapitel betont kompromisslose Loyalität zum Ewigen und zeigt, wie ernst die Tora die Ungeteiltheit in der Nachfolge zu Gott nimmt: Die Liebe zu Elohim steht über familiären Bindungen, sozialen Strukturen und über jede Form religiöser Faszination. Sollten sich ganze Städte dem Götzendienst zuwenden, so muss die Gemeinschaft eingreifen.
Kp. 14 — Kaschrut und die Zehnt-Abgabe
Dieses Kapitel wiederholt und präzisiert die Unterscheidung zwischen reinen und unreinen Tieren: Landtiere mit gespaltenen Hufen und Wiederkäuer (V4-8), reine Fische mit Flossen und Schuppen (V 9), reine Vögel (V11-18). Verboten sind u. a. Aas und bestimmte heidnische Trauerriten (V21).
Der ma’aser (Zehntabgabe) soll jährlich im Heiligtum gegessen werden: Getreide, Wein, Öl, Erstlinge des Viehs — als Ausdruck der Freude vor dem Ewigen (V22-23). Wenn der Weg zu weit ist, darf der Zehnte in Geld umgewandelt werden, um im Heiligtum wieder in Speise und Trank ausgetauscht zu werden (V24-26). Alle drei Jahre wird eine besondere Zehnt-Abgabe für die Lewiten, Fremden, Waisen und Witwen im eigenen Ort abgelegt, damit soziale Gerechtigkeit im Volk verankert bleibt (V28-29).
Kapitel 14 verbindet die Kaschrut‑Gebote (V. 4–21) mit der Zehnt‑Abgaben-Verordnung (V. 22–29). Beide Bereiche dienen der Heiligung des Alltags, der Freude vor dem Ewigen und der sozialen Verantwortung innerhalb des Volkes Israel.
Kp. 15 – zunächst ausgelassen…
Kp. 16 — die drei Wallfahrtsfeste
Kapitel 16 fasst die großen Feste zusammen, die Israel am erwählten Ort feiern soll. Pessach: Das Opfer darf nur am Heiligtum dargebracht werden, nicht mehr in den Häusern. Sieben Tage darf dann nur mazzot (= ungesäuertes Brot) gegessen werden, als Erinnerung an den hastigen Auszug. Schavu‘ot: Das Fest der Erstlings-Abgabe, Ausdruck der Dankbarkeit für die Ernte. Sukkot: Sieben Tage Freude vor dem Ewigen in den (Laub-)Hütten, verbunden mit reichlichem Opferdienst. Alle Männer sollen dreimal im Jahr erscheinen, „nicht mit leeren Händen“, sondern entsprechend dem Segen, den der Ewige gegeben hat. Damit schließt die Parascha mit der Betonung der kultischen Einheit, der Freude und der Dankbarkeit.
Dieses Mal richten wir unseren Blick besonders auf Kapitel 15 – denn hier verbirgt sich eine der zentralsten Botschaften Gottes innerhalb der gesamten Tora. Eine Botschaft, die, so scheint es, bisher kaum wirklich verstanden wurde. Gerade deshalb lohnt es sich, bestimmte Verse dieses Abschnitts genauer zu betrachten. In ihnen entfaltet sich ein geistliches Prinzip, das das Herz des Menschen prüft, seine Hand formt und den Weg des Gebens neu definiert.
Kp. 15 — das Schabbatjahr und soziale Gerechtigkeit
Im Schabbatjahr sollen Schulden erlassen werden. Der Text beginnt mit der Anweisung, dass jeder Gläubiger das seinem Bruder geliehene Darlehen erlassen soll (V. 1–2). Fremde dürfen weiterhin zur Rückzahlung verpflichtet werden, aber der Bruder aus Israel soll freigegeben werden (V. 3).
Wir lesen die ersten 2 Verse einer normalen deutschen Übersetzung, hier nach der Elberfelder und darunter füge ich die Übersetzung nach Martin Buber und Tur Sinaj hinzu:
(Elb)1 Am Ende von sieben Jahren sollst du einen Erlass halten.
2 Und dies ist die Sache mit dem Erlass: Jeder Schuldherr soll das Darlehen seiner Hand erlassen, das er seinem Nächsten geliehen hat; er soll seinen Nächsten und seinen Bruder nicht drängen; denn man hat dem HERRN einen Erlass ausgerufen.
כִּי-קָרָא שְׁמִטָּה לַיהוָה:
ki kara schmita-laAdonaj
(Buber)1 Am Ende von je sieben Jahren sollst du Ablockerung machen.
2 Dies ist die Sache der Ablockerung: Ablockern soll jeder Schuldherr den Borg seiner Hand, den er seinem Genossen borgte: nicht mehr darf er eintreiben bei seinem Genossen, seinem Bruder, denn ausgerufen hat man Ablockerung IHM.
(TurSinaj)1 Am Ende von sieben Jahren sollst du einen Schulderlaß halten.
2 Das aber ist die Sache mit dem Schulderlaß: Jeder Gläubiger soll das Darlehen seiner Hand, das er seinem Nächsten geliehen hat, erlassen. Er soll seinen Nächsten und seinen Bruder nicht drängen; denn man hat für den EWIGEN einen Schulderlaß ausgerufen.
Denn es wurde eine Erlassung שְׁמִטָּה schmita für den Ewigen ausgerufen.
= Erklärung: Das Schlüsselwort ist das Verb שָׁמַט schamat, das Buber mit „ablockern“ und Tur-Sinai mit „Schulden erlassen“ wiedergibt. Wörtlich bedeutet es jedoch „fallen lassen, loslassen, aus der Hand gleiten lassen“. Damit beschreibt die Tora keinen bloßen Schuldenerlass, sondern einen geistlichen Akt: Man öffnet die Hand und lässt Ansprüche los, im Bewusstsein, dass Besitz und Kontrolle letztlich nicht uns gehören.
Das Substantiv שְׁמִטָּה schmita bedeutet „Erlassung“ oder „Loslassen“. Alle sieben Jahre fordert Gott ein Jahr des Loslassens, in dem Schulden fallen gelassen werden. Der Sinn dahinter: Menschen sollen aus Abhängigkeiten entlassen werden. Auch das Land selbst erhält Ruhe שַׁבָּתוֹן schabaton. Schmita ist ein rhythmischer Neuanfang, ein göttlicher Moment, in dem Freiheit, Gleichheit und Vertrauen neu eingeübt werden sollen. Wahre Gerechtigkeit zeigt sich nicht im Festhalten, vielmehr im Loslassen – es ist ein Loslassen für Gott: „Schmita für den Ewigen“ שְׁמִטָּה לַיהוָה.
Auch die Freilassung hebräischer Sklaven עֶבֶד עִבְרִי eved ivri folgt diesem Prinzip: Menschen sollen nicht festgehalten werden, wenn Gott Freiheit schenkt. Heute gibt es kein Sklavensystem mehr, doch das Prinzip bleibt aktuell: Schmita bedeutet, Menschen nicht in Schuldgefühlen, Abhängigkeiten oder alten Verletzungen festzuhalten; Beziehungen zu entlasten; finanzielle Forderungen zu überdenken; und das eigene Herz zu prüfen: wo hält man fest, wenn Gott doch „loslassen“ שָׁמַט meint.
Im Judentum wird schmita weiterhin gelebt – landwirtschaftlich durch Ruhezeiten des Bodens, wirtschaftlich durch rabbinische Regelungen wie den פְּרוּזְבּוּל prusbul, der verhindert, dass Arme im Erlassungsjahr ohne Unterstützung bleiben. Die geistliche Essenz bleibt jedoch dieselbe: Schmita ist ein Lebensstil des Vertrauens, der Großzügigkeit fordert, damit es gelebte Freisetzung und Freiheit gibt.
Weiter lesen wir:
V3) Den Fremden/Ausländer נָּכְרִי nochri magst du [weiterhin] bedrängen/fordern. Doch was du bei deinem (Volks-)Bruder (gegeben) hast, das soll deine Hand erlassen תַּשְׁמֵט taschmet.
V4) [Dieses Gebot dient dazu] damit es unter dir keinen Armen אֶבְיוֹן evjon geben möge/gibt. Denn der Ewige möchte dich reichlich segnen in dem Land, das der Ewige, dein Elohim, dir zum Erbteil gibt, um es in Besitz zu nehmen.
V5) Mögest du nur der Stimme des Ewigen, deines Elohim, gehorsam sein שָׁמוֹעַ תִּשְׁמַע schamoa tischma, dadurch dass du dieses ganze Gebot כָּל-הַמִּצְוָה הַזֹּאת kol-ha-mizwa-haSot (sorgfältig) bewahrst/befolgst es zu auszuüben, [eben das] wozu ich dich heutigentags beauftrage.
= Erklärung: Diese drei Verse zeigen: die Schmita‑Ordnung ist nicht nur eine rechtliche Struktur, vielmehr ist sie ein Herzensgebot. Israel darf vom Fremden נָכְרִי nochri weiterhin fordern, doch gegenüber dem eigenen Bruder gilt das Prinzip des Loslassens תַּשְׁמֵט taschmet. Das Ziel ist klar: Es soll keinen Bedürftigen אֶבְיוֹן evjon mehr im Volk geben. Deshalb ruft Gott dazu auf, seiner Stimme wirklich zuzuhören und zu gehorchen שָׁמוֹעַ תִּשְׁמַע schamoa-tischma (wortwörtlich: die Verdoppelung des Verbes „hören“: „hörend sollst du hören!“), indem das ganze Gebot כָּל־הַמִּצְוָה הַזֹּאת kol-haMizwa-haSot sorgfältig bewahrt und ausgeübt wird. Schmita ist damit viel mehr als ein ökonomisches Prinzip. Es ist ein geistlicher Auftrag: ein Volk soll sich formen, in dem Gerechtigkeit, Fürsorge und Freiheit sichtbar werden, weil jeder bereit ist, loszulassen und den Bruder zu tragen.
Wir lesen die nächsten Verse weiter:
V7) Wenn es einen Armen bei dir geben wird, irgendeinen deiner Brüder in einem deiner Tore in deinem Land, das der Ewige, dein Elohim, dir gibt, dann sollst du dein Herz nicht verhärten לֹא תְאַמֵּץ lo-ta’amotz und deine Hand vor deinem Bruder, dem Armen, nicht verschließen לֹא תִקְפֹּץ lo–tikpotz
V8) Sondern du sollst ihm deine Hand weit öffnen פָתֹחַ תִּפְתַּח fatoach-tiftoach und ihm willig ausleihen הַעֲבֵט תַּעֲבִיטֶנּוּ ha’avet-ta’avitenu, was für den Mangel ausreicht, den er hat.
= Erklärung: In diesem Vers verwendet die Tora zwei starke hebräische Verben, die zeigen, dass Hilfe für den Bedürftigen nicht nur formal-äußerlich, sondern aus einem weichen Herzen kommen soll. Das erste Wort לֹא תְאַמֵּץ לְבָבֶךָ lo te’ametz levavecha bedeutet wörtlich: „Verhärte dein Herz nicht.“ Das Verb תְאַמֵּץ te’ametz stammt aus der Wurzel אָמַץ amatz und beschreibt ein inneres Hartwerden, ein Verschließen der Gefühle, ein Festwerden des Herzens, das sich gegen Mitgefühl sträubt.
Das zweite Wort לֹא תִקְפֹּץ יָדְךָ lo-tikpotz jadcha bedeutet: „Verschließe deine Hand nicht.“ Das Verb תִקְפֹּץ tikpotz kommt aus der Wurzelקָפַץ kapatz und beschreibt das Zusammenziehen oder Zusammenkrampfen der Hand, sodass sie nicht mehr offen ist, um zu geben.
Zusammen bilden diese beiden Ausdrücke ein kraftvolles Bild: Die Tora ruft dazu auf, weder das Herz zu verhärten noch die Hand zu verschließen. Ein weiches Herz und eine offene Hand gehören zusammen. Wer innerlich empfänglich bleibt, wird auch äußerlich großzügig handeln — und genau das ist der Geist der Schmita-Verordnung: loslassen und Fürsorge im Volk Gottes bzw. in der Gemeinschaft der Gläubigen.
Noch immer lesen wir weiter:
V9) Hüte dich davor, daß in deinem Herzen keine boshaften/schändlichen Gedanken בְלִיַּעַל blija‘al entstehen mögen [gleich solchen]: ‚Das siebte Jahr, das schnat-schmita שְׁנַת הַשְּׁמִטָּה ist nahe/steht kurz bevor!‘ Daß [dann] dein Auge böse/missgü+nstig auf deinen Bruder, den Armen [sehen könnte], so dass du ihm nichts gibst [erlässt]. Er aber wird über dich zum Ewigen schreien, und dann mag es dir zur Sünde חֵטְא chet gereichen!
V10) Freigiebig/großzügig sollst du ihm geben נָתוֹן תִּתֵּן naton–titen (wörtlich: „gegeben wirst du geben“) und dein Herz soll nicht böse sein לֹא-יֵרַע lo-jera, wenn du ihm gibst. Denn wegen dieser Sache wird der Ewige, dein Elohim, dich segnen in all deinem Tun und in allem Geschäft מִשְׁלַח mischlach deiner Hand.
= Erklärung: lo‑jera לֹא־יֵרַע, abgeleitet von der Wurzel רָעַע raʿa, beschreibt das „Schlecht‑Werden“ eines inneren Zustands. Das Verb im Imperfekt meint mehr als bloß „böse sein“, es bezeichnet die innere Bewegung, in der das Herz sich verfinstert, missgünstig wird oder sich verhärtet. In diesem Kontext heißt es: das Herz soll sich nicht verdunkeln, nicht widerwillig reagieren, nicht innerlich schlecht werden beim Geben.
mischlach מִשְׁלַח, was aus der Wurzel שָׁלַח schalach gebildet ist, bezeichnet das „Ausgesandte“ oder „Ausgestreckte“ der Hand. Es meint mehr als „Geschick“, nämlich alles, was die Hand in die Welt hinausschickt: Arbeit, Unternehmungen, Projekte, Tätigkeiten. Die Formel מִשְׁלַח יָדֶךָ mischlach-jadecha umfasst daher das gesamte Werk der Hände – alles Tun, das aus dir hervorgeht.
Diese Verspassage wir mit einem letzten prägnanten Vers abgeschlossen:
V11) Denn der Armeאֶבְיוֹן evjon wird nicht aus dem Land verschwinden. Darum befehle/gebiete ich dir: Deinem Bruder, deinem Elenden und deinem Armen in deinem Land, sollst du deine Hand weit öffnen פָּתֹחַ תִּפְתַּח patoach-tiftach
יא כִּי לֹא-יֶחְדַּל אֶבְיוֹן מִקֶּרֶב הָאָרֶץ עַל-כֵּן אָנֹכִי מְצַוְּךָ לֵאמֹר פָּתֹחַ תִּפְתַּח אֶת-יָדְךָ לְאָחִיךָ לַעֲנִיֶּךָ וּלְאֶבְיֹנְךָ בְּאַרְצֶךָ: ס
= Erklärung: Der Ausdruck אֶבְיוֹן evjon bezeichnet den Bedürftigen, den, dem etwas fehlt und der auf Unterstützung angewiesen ist. Die Tora stellt hier klar, dass dieser evjon niemals völlig aus dem Land verschwinden wird. Darum folgt der doppelte Imperativ פָּתֹחַ תִּפְתַּח patoach–tiftach, von שָׁלַח schalach = „öffnen, ausstrecken“: „weit öffnen sollst du deine Hand“. Die Verdoppelung verstärkt die innere Haltung — nicht zögerlich, nicht berechnend, aber offen, freigebig, großzügig und bereit, dem Bruder, dem Elenden und dem Armen im eigenen Land zu helfen.
Fazit: Die ganze Passage (5. Mose 15, 1–11) ruft dazu auf, besonders im Schmita‑Jahr Schuld zu erlassen, Brüder zu entlasten und dem Bedürftigen freigebig zu geben, ohne dass sich das Herz dabei verfinstert oder missgünstig wird. Zugleich ist diese Weisung nicht auf die Schmita‑Verordnung beschränkt, sondern soll das Gerechtigkeitsbewusstsein und das Handeln der Gotteskinder grundsätzlich durchdringen. Wer so lebt, öffnet seine Hand weit — und der Ewige segnet alles Werk seiner Hände, alles, was er in die Welt hinausschicken wird; so lautet die Zusage in Vers 10.
Israel wird aufgerufen, ein Volk zu sein, das Großzügigkeit lebt, weil der Ewige selbst großzügig ist. Armut soll nicht verhärtet, sondern gelindert werden. Der zentrale Satz lautet: „Öffne deine Hand weit für deinen Bruder.“ (V11). Dieser Vers ist der Schlüssel für das gesamte Kapitel: Großzügigkeit ist nicht optional, vielmehr Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit im Alltag.
Das Kapitel erweitert diesen Gedanken auf weitere Lebensbereiche:
- hebräische Knechte: Nach sechs Jahren sollen sie freigelassen werden, V12; nicht leer, aber reichlich beschenkt aus Herde, Tenne und Kelter, V13–14;
- freiwilliger Verbleib: Möchte der Knecht bleiben, soll er durch ein Ohrzeichen dauerhaft in das Haus integriert werden, V16–17;
- Erstgeburten der Tiere: Sie gehören dem Ewigen und dürfen nicht für profane Arbeit genutzt werden, V19;
Zum Abschluß unserer eingehenden Parascha-Betrachtung möchte ich nun Jeschuas eigene Worte hier wiedergeben. Ich nehme an, dass diese folgenden Verse für die meisten ein gewisses Rätsel war und ist.
Matthäus 6, 22-23 im Vergleich einer parallele Stelle in Lukas 11, 34 – 36:
22 Das Auge (= die Herzenshaltung/Gesinnung) ist die Leuchte des Leibes. Darum: Wenn du großzügig/generös bist עַיִן טוֹבָה ajn tova (wenn du ein gutes = mildtätiges Auge hast), so wird dein ganzer Leib erleuchtet sein.
Oder: Hast Du eine großzügige Einstellung/Motivation, also wird Dein Leben aufleuchten (d. h. Du bist ein Vorbild für andere Menschen).
23 Bist du jedoch geizig רָעָה עַיִן ajn ra’a (wenn du ein böses = geiziges Auge hast), dann wird sich dein ganzer Leib verfinstern.
Oder: Hast Du eine geizige Haltung/Motivation, d. h. Du gibst ungern ab, dann verfinstert sich auch dein Leben.
Wenn nun das Licht (= deine Herzenshaltung/Gesinnung), das in dir steckt, verdunkelt ist, wie groß wird dann die Finsternis [in dir] sein!?
Die Parallele in Lukas 11:
34 Dein Auge (= deine Herzenshaltung/Gesinnung) ist die Leuchte deines Leibes. Darum: Lässt du Großzügigkeit/Mildtätigkeit (עַיִן טוֹבָה ajn tova „gutes Auge“ = mildtätig, freigiebig) walten, so wird auch dein ganzer Leib hell/belichtet sein. Wenn deine Gesinnung jedoch geizig/knausrig (רָעָה עַיִן ajn ra’a „schlechtes, böses Auge“ = geizig sein) ist, dann wird auch dein ganzer Leib verfinstert sein.
35 Siehe nun zu, dass das Licht (= deine Herzenshaltung/Motivation), welches in dir steckt, nicht verfinstert ist.
36 Wenn nun dein ganzer Leib ohne einen finsteren Teil erleuchtet ist, alsdann scheint er ganz hell, so als ob eine Lampe dich mit ihrem Lichtstrahl ganz erhellt.
= Erklärung: Jeschua greift in Mt. 6, 22–23 und Lk. 11, 34–36 zwei urhebräische Idiome auf, die im Griechischen wörtlich übernommen wurden, ohne dass ihre Bedeutung von den Übersetzern erfasst wurde. Das „gute Auge“ עַיִן טוֹבָה ajin tova bezeichnet im Hebräischen die Haltung der Großzügigkeit, Mildtätigkeit und offenen Hand. Das „böse Auge“ רָעָה עַיִן raʿa ajin steht dagegen für Geiz, Berechnung und eine verfinsterte, enge Gesinnung. Wenn Jeschua sagt, das Auge sei die „Leuchte des Leibes“, meint er die innere Motivation, die das ganze Leben erhellt oder verdunkelt. Großzügigkeit lässt den Menschen leuchten; Geiz verfinstert ihn. Damit erklärt Jeschua keine Anatomie, vielmehr die Herzenshaltung und -einstellung: Das Licht im Menschen ist seine Haltung gegenüber dem Bedürftigen — genau das Thema der Schmita‑Passage: Denn dort wie hier zeigt sich, dass wahre Gottesfurcht im Licht einer großzügigen Herzenshaltung sichtbar wird — und dass das Maß der Großzügigkeit das Maß des inneren Lichts ist.
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