Parascha ‚ki-tissa‘ כִּי תִשָּׂא= “wenn Du erhebst”
künstlerische Darstellung der 13 Attribute Adonajs der Barmherzigkeiten, hebräisch genannt ’13 midot-haRachamim’, von Jehoschua Hooper; Quelle: https://www.kavanah-arts.com/
Parascha ‚ki-tissa‘ כִּי תִשָּׂא = “wenn Du erhebst” – 2. Mo. 30, 11 – 34, 35;
12 Wenn du כִּי תִשָּׂא ki tissa die Gesamtzahl der Kinder Israel nach ihren Gemusterten erhebst, so sollen sie ein jeder bei ihrer Musterung dem Ewigen ein Lösegeld/Deckung – כֹּפֶר kofer für sein Leben geben, damit mit ihrer Musterung keine Plage auf sie kommen werde.
Zusammenfassung als Überblick:
Kp. 30
- Zensusabgabe: jeder Mann war gefordert einen halben Schekel als Lösegeld zu geben, V11–16;
- Becken aus Kupfer für die rituelle Waschung der Priester, V17–21;
- Rezeptur für das heilige Salböl, exklusiv für den Dienst, V22–33;
- Rezeptur für das heilige Räucherwerk, V34–38;
Kp. 31
- Berufung von Bezalel und Oholiav für die Arbeiten am Heiligtum, V1–11;
- Gebot zur Einhaltung des Schabbats als ewiges Zeichen, V12–17;
- Übergabe der zwei steinernen Tafeln an Mosche, V18;
Kp. 32
- das Volk forderte ein Götzenbild; Aharon erstellte das goldene Kalb, V1–6;
- Elohims Zorn und Mosches Fürbitte für Israel, V7–14;
- Mosche zerbrach die Tafeln, V15–20;
- Bestrafung der Schuldigen durch die Lewiten, V21–29;
- Mosches erneute Fürbitte und Bitte um Vergebung, V30–35;
Kp. 33
- Befehl, weiterzuziehen, aber ohne Elohims unmittelbare Gegenwart, V1–6;
- Mosches Zelt der Begegnung außerhalb des Lagers, V7–11;
- Mosches Bitte: „Lass mich Deine Wege erkennen“, V12–17;
- Bitte um die Offenbarung der Herrlichkeit Elohims, V18–23;
Kp. 34
- neue Tafeln wurden gefertigt, V1–4;
- Offenbarung der dreizehn Eigenschaften des Ewigen: barmherzig, gnädig, langmütig, V5–9;
- Erneuerung des Bundes und zentrale Gebote, V10–26;
- Mosche blieb vierzig Tage auf dem Berg, V27–28;
- Mosches Gesicht strahlte beim Herabsteigen, V29–35;
Wir wollen uns heute mit den 13 (bzw. 7) Eigenschaften des Ewigen näher beschäftigen. Dazu lesen wir die Verse aus 2. Mo. 34, 5-9:
V5) Nun stieg der Ewige in der Wolke herab, so dass er dort neben ihn (Mosche) herantrat. Dann rief er den Namen des Ewige aus.
V6) Der Ewige – יְהוָה zog vor seinem Angesicht vorüber währenddessen er proklamierte (rief): „Ewiger – יְהוָה, Ewiger – יְהוָה! El, erbarmend – רַחוּם rachum und gnadevoll – חַנּוּן chanun, langmütig – אֶרֶךְ אַפַּיִם erech-apajim und überströmend an Liebesgnaden – רַב-חֶסֶד rav-chessed und Wahrheit/Treue – אֱמֶת emet,
V7) der Gnade – חֶסֶד chessed trägt an Tausenden [von Generationen], der Schuld – עָוֹן awon, Vergehen – פֶשַׁע pescha und Sünde – חַטָּאָה chata’a vergibt, aber keineswegs ungestraft sein läßt, [sondern] die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, bis zur dritten und vierten [Generation].
V8) Da warf sich Mosche eilends zur Erde nieder, ihn anbetend.
V9) Nun sprach er: „Wenn ich doch Gunst חֵן chen in deinen Augen gefunden habe, Herr, so möge der Herr in unserer Mitte [gehen]. Denn es ist ein halsstarriges Volk – vergib uns unsere Schuld und Sünde und nimm uns zu deinem Erbe!
Die Szene in 2. Mose 34, 5–9 ist einer der kompaktesten und heiligsten Momente der gesamten Tora. Mosche stieg mit den neu gehauenen Tafeln auf den Berg Ssinaj und der Ewige „stieg herab“, erschien in einer theophanischen Gestalt (oft als mal’ach oder botenhafte Manifestation gedeutet), trat neben Mosche, ging dann an ihm vorüber und rief selbst seinen eigenen Namen aus – und zwar in Form der sogenannten schelosch-essrej midot, der „13 Eigenschaften des Erbarmens“.
Zunächst aber wollen wir sehen, was hier zuvor geschehen ist:
Die Verse in 2. Mose 33, 10–17 lassen sich so zusammenfassen:
Während das Volk ehrfürchtig am Eingang seiner Zelte stand, erschien die Wolkensäule am ‚Zelt der Begegnung‘ (Mischkan). Dort sprach JHWH mit Mosche „von Angesicht zu Angesicht“, so wie ein Mensch mit seinem Freund. Aus dieser einzigartigen Nähe heraus bat Mosche zunächst um eine klare Zusicherung, dass JHWH selbst – nicht ein Engel – mit Israel weiterziehen möge, und dass JHWH ihm seinen Weg offenbaren solle, damit er Gottes Gunst wirklich erkennen könne. Erst nachdem der Ewige ihm diese Bitte bestätigt hatte, wagte Mosche eine zweite, tiefer gehende Bitte zu äußern: Er wünschte sich die Herrlichkeit כָּבוֹד kavod Elohims sehen zu dürfen.
Hier wollen wir noch etwas tiefer analysieren, was Mosche vor der Bitte um die Herrlichkeit eigentlich erfragt hatte. Denn der Text zeigt zwei verschiedene Bitten, die oft überlesen werden:
- in der ersten Bitte, V 12–14, erfragte Mosche die Gewissheit bekommen zu können, dass JHWH doch selbst mit Israel gehen würde. Er sagte sinngemäß: „Du sagst, dass ich Gunst gefunden habe – aber du hast mir nicht klar gesagt, wer mit uns gehen wird? Darum lass mich deinen Weg erkennen, damit ich wirklich weiß, dass ich Gunst gefunden habe.“
→ Es ging hier um Führung, Nähe und Identität: Wer begleitet uns? Wer trägt uns?
ii. die zweite Bitte in V 18: Erst nachdem der Ewige ihm zusicherte: „Mein Angesicht wird mit euch gehen“, erbat Mosche noch etwas viel Größeres: „Lass mich doch deine Herrlichkeit כָּבוֹד kavod sehen.“
Damit wird deutlich: Mosche fragte zuerst nach Elohims Gegenwart und Führung, und erst danach nach Gottes Wesen und Herrlichkeit.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist – der Text zeigt eine Steigerung:
1. Nähe – Gott sprach mit Mosche wie mit einem Freund;
2. Zusage – Elohim versprach, selbst mitzugehen;
3. Erkenntnis – Mosche bat, Gottes Wege verstehen zu können;
4. Herrlichkeit – Mosche erbat schließlich um die tiefste Offenbarung;
Diese Bewegung erklärt, warum die Bitte um die Herrlichkeit nicht isoliert steht, sondern aus einer bereits bestehenden, außergewöhnlichen Beziehung hervorging.
Nun folgt die Antwort auf Mosches sehnlichstem Wunsch:
V19) Darauf antwortete er: „Ich werde all meine Güte/mein Gutes טוּבִי tuvi (Anmerkung: tuvi טוּבִי ist vom hebräischen Wort tov טוֹב = „gut, angenehm“ abgeleitet) vor deinem Angesicht vorübergehen lassen und [dabei] den Namen des Ewiger-JHWH vor dir ausrufen/proklamieren: Ich werde gnädig sein, wem ich gnädig bin, und mich erbarmen, über wen ich mich erbarmen werde.
יט וַיֹּאמֶר אֲנִי אַעֲבִיר כָּל-טוּבִי עַל-פָּנֶיךָ וְקָרָאתִי בְשֵׁם יְהוָה לְפָנֶיךָ וְחַנֹּתִי אֶת-אֲשֶׁר אָחֹן וְרִחַמְתִּי אֶת-אֲשֶׁר אֲרַחֵם:
waJomer ani a’avir kol tuvi al panejcha weKarati beSchem adonaj lefanejcha weChanoti et ascher achon weRichamti et ascher arachem.
- Mosche bat: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“, 33, 18;
- Elohim antwortete ihm darauf wie folgt: „Ich werde all meine Güte vor dir vorüberziehen lassen und den Namen JHWH vor dir ausrufen“, 33, 19;
- die Erfüllung dieser Zusage erfolgte dann im nächsten Kapitel: 34, 5–7;
- die Erscheinung Adonajs war dabei nicht die „Essenz“ Elohims, sondern eine botenhafte, sichtbare Manifestation, die dennoch Gottes eigene Stimme trägt;
- die „Eigenschaften“ sind nicht abstrakte Attribute, sondern Handlungsweisen Gottes, die seinen Namen definieren;
Nun wollen wir uns intensiver mit diesen Attributen Gottes auseinandersetzen.
Die rabbinische Tradition spricht von den sog. 13 midot-haRachamim = „13 Wesenszüge der Barmherzigkeiten“, weil die Verse in 2. Mose 34, 5–7 als eine von Elohim selbst vorgetragene Aufzählung seiner Wege der Barmherzigkeit verstanden werden. Talmud und Midrasch sehen darin eine fest umrissene Liste von dreizehn göttlichen Eigenschaften, welche JaH dem Mosche offenbarte, damit Israel sie im Gebet anrufen und im eigenen Verhalten nachahmen kann. Der Einreihung von 13 göttlichen Eigenschaften stehen die 7 Hauptattribute des Ewigen gegenüber, die in Paaren oder Erweiterungen erscheinen:1. JHWH, 2. JHWH, 3. El-rachum, 4. chanun, 5. erech-apajim, 6. rav-chessed und 7. emet.
Doch hier sind die 13 midot-haRachamim wie sie traditionell aufgelistet werden:
1. יְהוָה – Adonaj
2. יְהוָה – Adonaj
3. אֵל – El
4. רַחוּם – rachum
5. וְחַנּוּן – weChanun
6. אֶרֶךְ אַפַּיִם – erech-apajim
7. וְרַב חֶסֶד – weRav-chessed
8. וֶאֱמֶת – weEmet
9. נֹצֵר חֶסֶד לָאֲלָפִים – nozer-chessed-laAlafim
10. נֹשֵׂא עָוֹן – nosse-awon
11. וָפֶשַׁע – waFescha
12. וְחַטָּאָה – weChatt‘aa
13. וְנַקֵּה – weNake
Ich möchte noch als sehr interessant darauf hinweisen: In der Vorankündigung, dass Mosches Bitte die Herrlichkeit Gottes “erhaschen” zu können gewährt werden wird, wurde ihm angekündigt, dass er die ganze Güte des Allmächtigen sehen können wird. Diese Güte besteht darin, dass der Ewige “demjenigen gnädig sein wird, dem er gnädig ist, und er wird sich erbarmen, über wen er sich erbarmen wird.”, 2. Mo. 23, 19;
In der erfolgten Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in 2. Mo. 24, 6-7 wird diese Güte in den Formen der völligen Barmherzigkeit wie Langmut, chessed und Treue/Wahrhaftigkeit (emet) gezeigt. Dann wird bestätigt, dass Gott vergibt: Schulden, Verfehlungen und Sünden trägt er (hebr. nosse נֹשֵׂא ), d. h. er nimmt sie auf sich. Der vorherige Satz: “Ich werde gnädig sein, wem ich gnädig bin, und mich erbarmen, über wen ich mich erbarmen werde.” wird damit in 2. Mo. 24, 7 bezeugt, dass der Allmächtige chessed bis ins Tausendste Glied der Nachkommenschaft walten lässt, aber nur bis zur 4. Generation hin bestrafen wird. Das ist die Offenbarung – die Schau der Herrlichkeit Gottes – der durch und durch barmherzig ist! Mosche konnte dies „erhaschen“, denn er Ewige lief an ihm vorüber bzw. vorbei währenddessen er laut diese Eigenschaften proklamierte.
In zwei Gelegenheiten äußerte Jeschua (Jesus), dass wer ihn sieht den Vater sehen würde.
- Johannes 12, 45: „Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.“
Hier sprach Jeschua öffentlich zur Volksmenge. Der Fokus liegt auf seiner Sendung: Wer ihn sieht, sieht den, der ihn gesandt hat – also den Vater.
- Johannes 14, 9: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“
Diese Stelle ist noch direkter. Sie steht im Gespräch mit Philippus im Rahmen der Abschiedsreden. Jeschua korrigierte Philippus’ Bitte „Zeige uns den Vater“ und machte klar, dass der Vater in ihm sichtbar wird.
Zusammenhang und Bedeutung
– Jh. 12 ,45 betont die Sendung und die Repräsentation Gottes durch Jeschua.
– Jh. 14, 9 geht tiefer und spricht von der inneren Einheit zwischen Vater und Sohn.
Somit wurde und wird in Jeschua (Jesus) die volle Gnade und Barmherzigkeit des Allmächtigen sichtbar.
Die 13 midot in der rabbinischen Literatur
Die rabbinische Tradition liest die 13 midot-haRachamim als eine der zentralen Selbstoffenbarungen Gottes. Im Talmud (Rosch-haSchana 17b) erscheinen sie als göttliche Gebetsformel: Elohim zeigte Mosche, wie Israel in Zeiten der Not beten soll – und versprach, dass diese Worte niemals ohne Wirkung bleiben werden. Ein weiterer talmudischer Text (Schabbat 133b) versteht die midot als ethischen Auftrag: Der Mensch soll Gottes Barmherzigkeit nachahmen.
Die Midraschim vertiefen diese Linie. Schemot Rabba erklärt jede Eigenschaft einzeln und zeigt, wie sie im Leben Israels wirksam werden sollen. Tanchuma (ki-tissa) deutet die 13 midot als erneute Bundeszusage nach dem Goldenen Kalb: Nicht Strafe, sondern Barmherzigkeit trägt den Bund.
In der mittelalterlichen Auslegung treten philosophische und mystische Deutungen hinzu. Maimonides beschreibt die midot als „Wege Gottes“, also als Handlungsweisen, wie der Mensch sie wahrnimmt. Nachmanides betont stärker die mystische Dimension von chessed und rachamim. Saadja Gaon verbindet die Eigenschaften mit dem Zusammenspiel von Gerechtigkeit und Gnade.
Die kabbalistische Tradition schließlich ordnet die midot den Sfirot (= „göttliche Emanationen“) zu. Im Sohar erscheinen sie als Kanäle göttlicher Barmherzigkeit, die in die Welt strömen. In der lurianischen Kabbala werden sie zu Kräften, die im Prozess von Zimzum צִמְצוּם (Kontraktion) und Tikun תִּיקּוּן (Wiederherstelllung) heilend wirken.
So entsteht ein kompaktes, aber vielschichtiges Bild: Die 13 midot sind zugleich Gebet, Ethik und Ausdruck geistlicher Tiefe – Gottes Selbstbeschreibung und Israels Weg, sich dieser Barmherzigkeit anzuschließen.
Die Karäer und die Schomronim gehen beide vom reinen Schrifttext aus, doch ihre Schwerpunkte unterscheiden sich deutlich vom rabbinischen Verständnis der 13 midot. Die Karäer lehnen die rabbinische Zählung vollständig ab und lesen 2. Mo. 34, 5–7 im pschat-Sinn (einfache Auslegung) als allgemeine Beschreibung von Gottes Güte. Sie entwickeln daraus keine feste Liste, sondern betonen individuelle Verantwortung, den Text selbst auszulegen, ohne Talmud oder Midrasch als Autorität zu akzeptieren. Die Schomronim integrieren die Verse in ihre eigene Theologie, die stark auf Gottes Güte, Erwählung und Bund mit dem Berg Garisim ausgerichtet ist, doch auch sie kennen keine systematische Lehre von 13 Eigenschaften und keine liturgische Verwendung wie im rabbinischen Judentum. Interessant ist, dass beide Gruppen den Inhalt – Gottes Barmherzigkeit – bejahen, aber die rabbinische Struktur, Zählung und liturgische Funktion nicht übernehmen. Dadurch entsteht ein spannender Kontrast: dieselben Verse, aber drei völlig unterschiedliche hermeneutische Welten.
Vergleich: 13 midot in drei Traditionen
| Tradition | Umgang mit 2. Mo. 34, 5–7 | Haltung zur „Liste“ der 13 midot | liturgische Verwendung | Besonderheiten |
| rabbinisches Judentum | liest den Abschnitt als göttliche Selbstoffenbarung der Barmherzigkeit | Entwickelt eine feste Liste von 13 Eigenschaften (Talmud, Midrasch) | Zentral in Slichot, Tachanun, Hohen Feiertagen | die midot gelten als wirkmächtige Gebetsformel und als ethisches Vorbild |
| Karäer (Kara’im) | lesen den Text im pschat, ohne rabbinische Tradition | keine Zählung, keine definierte Liste; Gottes Barmherzigkeit wird allgemein verstanden | keine liturgische Fixierung | Betonung der individuellen Auslegung ohne Talmud; bewusste Ablehnung rabbinischer Struktur |
| Schomronim (Samaritaner) | integrieren den Text in ihre Theologie von Gottes Güte und dem Bund am Berg Garisim | keine systematische Lehre von 13 Eigenschaften | keine Wiederholung als Gebetsformel | Fokus auf Gottes Güte, aber keine rabbinische Numerik oder Liturgie |
Allen Geschwistern wünsche ich wieder einen friedlichen Schabbat!

