Parascha ‚ki-teze‘ – כִּי-תֵצֵא (= „wenn Du [in den Krieg] ausziehst”)

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Parascha ‚ki-teze‘ – כִּי-תֵצֵא (= „wenn Du [in den Krieg] ausziehst”) – 5. Mo. 21, 10 – 25, 19;
V10) Wenn du gegen deine Feinde in den Krieg ausziehst – כִּי-תֵצֵא ki-teze, und der Ewige, dein Elohim, gibt sie in deine Hand: dann wirst du du ihre Gefangenen wegführen.
Inhaltlich behandelt diese Tora-Lesung eine Vielzahl von Geboten = mizwot מִצְוֹת – es sind um die 70 Anweisungen. Darunter fallen u.a.:
- der Umgang mit Kriegsgefangenen;
- die Rechte und Pflichten in Ehe und Familie;
- der Schutz von Armen und Schwachen;
- die Ehrlichkeit im Geschäftsleben;
- die Anweisung, Amalek nicht zu vergessen;
Am Ende der Tora-Lesung gibt es eine PDF-Datei, die eine Tabelle mit allen 70 Mizwot, die in dieser Parascha vorkommen, aufgelistet hat. Wer sich im Überblick diese Gebote durchlesen will, lade sich die Datei herunter!
Heute möchte ich uns ein wenig tiefer das Gebot, Amalek nicht zu vergessen, seine Nachfahren auszulöschen, eingehender betrachten. Dazu lesen wir zunächst 5. Mo. 25, 17-19:
V17) Gedenke זָכוֹר sachor daran, was Amalek עֲמָלֵק dir getan hat auf dem Weg, als ihr aus Ägypten zogt,
V18) wie er dir auf dem Weg entgegentrat und deine Nachzügler schlug, alle Schwachen hinter dir, als du erschöpft und müde warst, und daß er Elohim nicht fürchtete.
V19) Wenn der Ewige, dein Elohim, dir Ruhe verschafft hat הָנִיחַ haniach vor allen deinen Feinden ringsum in dem Land, das der Ewige, dein Elohim, dir als Erbteil gibt, es in Besitz zu nehmen, dann sollst du die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel auslöschen/ausradieren תִּמְחֶה timche. Vergiß es nicht לֹא תִּשְׁכָּח lo-tischkach!
= Diese drei Verse enthalten gleich drei Mizwot:
- „gedenke“זָכוֹר sachor = das aktive Erinnern;
- „du sollst auslöschen“ תִּמְחֶה timche = die physische Vernichtung;
- „vergiss es nicht“ תִּשְׁכָּח lo-tischkach = das verinnerlichen, bewahren;
Das Ereignis des Überfalls der Amalekiter auf Israel beim Auszug aus Ägypten wird in 2. Mose 17, 8–16 beschrieben.
Hier ein kurzer Überblick:
- der Ort des Geschehens: In der Wüste, nachdem das Volk Israel Wasser aus dem Felsen erhalten hatte;
- die Angreifer: Das Volk Amalek griff Israel ohne vorherige Provokation an;
- die Verteidigung: Josua/Jehoschua führte die Israeliten in den Kampf, während Mosche auf einem Hügel stehend seine Hände erhob – ein Anzeichen der göttlichen Hilfe;
- eine Unterstützung für Mosche: Aharon und Hur stützten Mosche, damit seine Hände oben blieben – solange sie erhoben blieben, gewann Israel;
- das Ergebnis: Israel siegte, doch Amalek wurde nicht vollständig vernichtet;
- die göttliche Anweisung: Elohim befahl Mosche, die Erinnerung an Amalek festzuhalten und kündigt an, dass Amalek eines Tages ausgelöscht werden soll;
= hier in 2. Mose 17, 14: am Ende der Schlacht – das waren etwa 39 Jahre zuvor – erging an Mosche diese erste Erwähnung des Gebots: „Der Ewige sprach zu Mosche: „Schreibe das zur Erinnerung in ein Buch und präge es Josua ein: Ich werde die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel ganz auslöschen.“
Das war noch kein direkter Befehl an das Volk, sondern eine Verheißung Gottes, die dann später an diese neue Generation nun konkretisiert wurde.
Weitere Erwähnungen von Amalek in der Bibel:
1. Samuel 15:
- König Saul und Agag: Elohim befahl dem Saul, Amalek vollständig zu vernichten. Saul aber gehorchte nur zum Teil, weil er den König Amaleks, Agag verschont;
- die sich ergebenden Folgen waren, dass dieser Ungehorsamkeit letztlich zu Sauls Verwerfung als König führte;
Ester 3, 1: die Fortsetzung der amalekitischen Feindschaft gegen Israel setzte sich auf mysterische Weise fort, nämlich im persischen Reich:
- Haman, der Feind Israels: Haman wird als Nachkomme Agags bezeichnet – also ein Amalekiter;
- Purim-Fest: Die Geschichte von Ester wird mit dem Kampf gegen Amalek verbunden, da Haman auch versuchte, das jüdische Volk zu vernichten;
Der Fortbestand der Feindschaft und des Kampfes gegen Amalek:
- einegeistliche Deutung
Viele Ausleger sehen Amalek als Symbol für das „Fleisch“ – also die sündige Natur des Menschen, die gegen den Geist Gottes kämpft. In diesem Sinne ist der Kampf gegen Amalek ein Bild für den geistlichen Kampf, den jeder Gläubige führen muss;
- tiefere Auslegung: Was bedeutet „Amalek“?
Amalek ist nicht nur ein historisches Volk, sondern ein Symbol für radikales, grundloses Böses. Amalek griff Israel hinterrücks an – nicht aus strategischem Kalkül, sondern aus Verachtung gegenüber allem, was heilig war. In unserem Gebot der Tora aus 5. Mo. 25, 18 wird betont: „…und er fürchtete Elohim nicht“. Somit steht Amalek für die Verneinung von Sinn, Moral und Transzendenz;
- nach der Gematria wird Amalek mit dem Wort ssafek סָפֵק = „Zweifel“ in Verbindung gebracht – weil beide denselben Zahlenwert von 240 haben:
- ssafek סָפֵק 60 – 80 -100 = 240;
- עֲמָלֵק 70 – 40 – 30 – 100 = 240;
- daraus ergibt sich:Amalek ist der Zweifel, der das Herz lähmt, der Glaube untergräbt und das Heilige verspottet!
Eine Frage bleibt offen: Warum sollen wir uns erinnern, wenn wir doch auslöschen sollen?
Diese scheinbare Spannung zwischen „Erinnern“ und „Auslöschen“ ist tief spirituell. Rav Kook (der erste Oberrabiner im modernen Israel) schrieb, dass die Auslöschung Amaleks nicht destruktiv, sondern konstruktiv sein soll – eine Reinigung der Welt von Kräften, die das Göttliche leugnen. Das Erinnern ist notwendig, damit wir nicht selbst Amalek werden, indem wir Gleichgültigkeit, Zynismus oder moralische Blindheit zulassen.
im Midrasch Sifri wird erklärt:
- „gedenke“ – mit dem Mund;
- „vergiss es nicht“ – im Herzen;
Das bedeutet: Wir sollen Amalek nicht nur historisch erinnern, sondern innerlich wachsam bleiben gegenüber allem, was Amalek repräsentiert – grundloser Hass, Angriff auf Schwäche, Verachtung des Göttlichen.
Was bedeutet Amalek heute?
Rabbiner lehren, dass das Gebot zur Ausmerzung Amaleks nicht auf Einzelpersonen anwendbar ist, sondern auf Ideologien und Systeme, die Amalek verkörpern. Dabei geht es nicht um Rache, sondern um moralische Reinigung.
Fazit: Das Gebot zur Ausmerzung Amaleks ist kein Aufruf zur Gewalt, sondern ein ethischer Imperativ:
- erkenne das Böse;
- benenne es;
- bekämpfe es – nicht mit Hass, sondern mit Licht;
- und vergiss nie, dass Gleichgültigkeit der erste Schritt in Amaleks Richtung ist;
Einen abschließenden Gedanken möchte ich euch noch von Rabbi Fohrmann aus seinen Vorträgen zu diesem Thema mitgeben, den ich sehr interessant und einleuchtend finde:
die Fortsetzung des Geistes Amaleks durch den Antisemitismus bzw. Amalek als Ursprung des Antisemitismus
Zu finden auf seiner Webseite https://www.alephbeta.org/
Hier sind zentrale Punkte, die Rabbi Fohrman in seiner Analyse herausgearbeitet hat:
1. – vier Konfrontationen mit Amalek
Die Tora beschreibt mehrere Begegnungen Israels mit Amalek – von der ersten Attacke in der Wüste bis zur Episode mit König Saul. Fohrman zeigt, dass diese Begegnungen nicht nur militärisch, sondern psychologisch und spirituell zu verstehen sind. Amalek greift immer dann an, wenn Israel verwundbar, orientierungslos oder spirituell im Umbruch ist.
2. – Amalek als Selbsthass
Fohrman deutet Amaleks Verhalten als Ausdruck eines inneren Konflikts – einer Art Selbstverachtung, die sich gegen Israel richtet, weil Israel für etwas steht, das Amalek nicht ertragen kann: göttliche Nähe, Sinn und Erwählung. Dieser Hass ist nicht rational, sondern existentiell – genau wie der Antisemitismus, der sich oft nicht logisch erklären lässt.
3. – Antisemitismus als spiritueller Widerstand
Die Serie legt nahe, dass Antisemitismus nicht nur ein soziales oder politisches Phänomen ist, sondern ein spiritueller Widerstand gegen Gottes Plan. Israel steht für eine göttliche Mission – und Amalek (bzw. seine geistigen Nachfolger) bekämpfen diese Mission, weil sie sich dadurch bedroht fühlen.
Euch allen einen besinnlichen Schabbat!
- Rosch haSchana und Jom-Trua - 11. September 2026
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