Parascha ‚ki-teze‘ כִּי-תֵצֵא(= „wenn Du [in den Krieg] ausziehst”)
Parascha ‚ki-teze‘ כִּי-תֵצֵא (= „wenn Du [in den Krieg] ausziehst”)- 5. Mo. 21, 10 – 25, 19;
Es folgt hier wieder eine kompakte Übersicht zu den Inhalten dieser Tora-Lesung:
Ki‑Teze ist mit 70 Geboten die mizwot‑reichste Parascha der Tora. Trotz der vielen einzelnen Rechtsbestimmungen zeigt sich eine klare innere Ordnung: Alle Gebote gestalten das soziale, familiäre und gemeinschaftliche Leben Israels so, dass Macht begrenzt, Schwache geschützt und Verantwortung im Alltag sichtbar wird.
Aus den zahlreichen Einzelfällen entsteht ein kohärentes Bild, wie Gerechtigkeit im Alltag gelebt und der Bund mit Elohim bewusst in Verantwortung eingehalten werden soll. Denn diese wie auch alle anderen Gebote der Tora bilden eine verbindliche Ordnung: Wenn sie vom ganzen Volk erfüllt werden, führen sie zu Gerechtigkeit, und jede Generation übernimmt neu die Verpflichtung, diesen Bund in Treue zu bewahren.
Kp. 21 – Familienordnung, Schutz des Schwachen und Umgang mit Schuld
Dieses Kapitel beginnt mit Regelungen für Kriegsgefangene, insbesondere die „schöne Gefangene“, deren Würde geschützt werden soll und die nicht als bloßes Objekt behandelt werden darf. Danach folgen Bestimmungen über das Erstgeburtsrecht, das nicht willkürlich entzogen werden darf, sowie über den „widerspenstigen Sohn“, dessen Verhalten die Stabilität der Familie bedroht. Das Kapitel schließt mit der Vorschrift, einen Hingerichteten nicht über Nacht am Holz hängen zu lassen, um die Reinheit des Landes zu bewahren. Inhaltlich kreisen alle Abschnitte um die Frage, wie Macht begrenzt und wie familiäre und gesellschaftliche Ordnung geschützt wird.
Kp. 22 – Verantwortung im Alltag, Schutz von Eigentum und Sexualethik
Hier entfalten sich eine Reihe von Geboten, die das alltägliche Zusammenleben sichern: verlorene Tiere müssen zurückgegeben, gefährliche Situationen verhindert und das Eigentum des Nächsten geschützt werden. Dazu kommen Vorschriften wie das Verbot, verschiedene Arten zu mischen (Kleider, Tiere, Saat), sowie die Pflicht, ein Geländer auf dem Dach zu bauen. Der zweite Teil des Kapitels behandelt Fragen der Sexualethik, insbesondere die Unterscheidung zwischen freiwilligen und erzwungenen Beziehungen und die Wahrung der ehelichen Treue. Der rote Faden ist die Verantwortung des Einzelnen für das Wohl des anderen – sowohl materiell als auch moralisch.
Kp. 23 – Gemeinschaftsordnung, Reinheit und soziale Sensibilität
In diesem Kapitel wird geregelt, wer Teil der Gemeinde sein darf und wer nicht, und nennt Gründe, warum bestimmte Gruppen ausgeschlossen oder erst nach Generationen aufgenommen werden. Es folgen Gebote zur Reinheit im Lager, zur Behandlung von Flüchtlingen, zum Verbot von kultischer Prostitution und zum Umgang mit Gelübden. Auch wirtschaftliche Gebote erscheinen: Zinsen dürfen von Israeliten nicht genommen werden, und Gelübde müssen gewissenhaft erfüllt werden. Das Kapitel verbindet Reinheit, soziale Gerechtigkeit und die Integrität der Gemeinschaft.
Kp. 24 – Schutz der Schwachen, soziale Gerechtigkeit und faire Arbeitsbedingungen
Hier wird die Ehescheidung und die Wiederverheiratung behandelt, es werden Rechte von Neuvermählten gegeben sowie die Pflicht, Arme und Fremde zu schützen. Es wird das Verbot gegeben, Pfänder zu nehmen, die die Existenz des Armen gefährden, und es wird eine faire Behandlung von Tagelöhnern gefordert. Witwen, Waisen und Fremde stehen unter besonderem Schutz, und die Ernte soll bewusst so hinterlassen werden, dass Bedürftige davon leben können. Der thematische Schwerpunkt liegt klar auf sozialer Verantwortung und der Begrenzung wirtschaftlicher Macht.
Kp. 25 – Gerechtigkeit, Solidarität und Erinnerung
Dieses Kapitel beginnt mit Vorschriften zur gerechten Rechtsprechung und zur Begrenzung körperlicher Strafen. Es folgt das Gebot des Levirats (jivum), das die Fortführung der Familienlinie sichern soll, sowie das Verbot, Gewichte und Maße zu verfälschen. Das Kapitel endet mit der Erinnerung an Amalek, dessen Angriff auf die Schwachen Israels als Inbegriff der Ungerechtigkeit gilt. Der thematische Kern ist die Bewahrung von Gerechtigkeit und die Verpflichtung zur Solidarität – sowohl innerhalb Israels als auch gegenüber historischen Feinden.
In dieser Parascha‑Betrachtung werde ich einzelne Gebote herausgreifen und sie aus hebräisch‑jüdischer Perspektive vertiefen. Viele von euch haben sicher schon bemerkt, dass ich die biblischen Texte – ob aus der Tora, dem Tanach oder dem Neuen Bund – nicht einfach nach herkömmlichen deutschen Übersetzungen wiedergebe. Ich prüfe zahlreiche Verse gründlich am hebräischen Original und überarbeite sie so, dass der hebräische Sinn im heutigen Deutsch möglichst klar und verständlich erscheint.
Darum meine Bitte: Wenn ihr die Bibelstellen lest, vergleicht meine Übersetzungen ruhig mit den üblichen deutschen Fassungen. Oft zeigt sich dabei ein erstaunlicher Unterschied – nicht weil der hebräische Tiefensinn in modernen Übersetzungen „verloren gegangen“ wäre, sondern weil er dort nie wirklich vorhanden war. Die klassischen Übersetzer – Luther selbst hat es offen zugegeben – beherrschten das Hebräische kaum, während Latein und Griechisch ihre Hauptsprachen waren. Genau deshalb fehlt in vielen deutschen Bibelübersetzungen der hebräische Denkweg, die semitische Logik und die sprachliche Tiefe, die den Text im hebräischen Original tragen.
Um diesen ursprünglichen Sinn sichtbar zu machen, braucht es Zeit, Sorgfalt und die Bereitschaft, sich in die hebräische Welt hineinzudenken – manchmal sogar in nur zwei kurzen Versen wie hier in 5. Mo 21, 22–23.
1.) die mizwa einen Gehängten am selben Tag zu begraben – 5. Mo. 21, 22-23;
V22) Wenn ein Mann eine Sünde begeht, auf die das Todesurteil steht – wird er dann hingerichtet, indem du ihn anschließend an ein Holz hängst –
V23) darf seine Leiche nicht [über Nacht] an diesem Holz hängen bleiben. Du musst ihn unbedingt noch am selben Tag begraben קָבוֹר תִּקְבְּרֶנּוּ kavor-tikbrenu. Denn ein Gehängter bedeutet eine Entwürdigung Elohims קִלְלַת אֱלֹהִים kilelat-Elohim. Du darfst nicht (dadurch) den Boden deines Landes verunreinigen תְטַמֵּא tetame, das der Ewige, dein Elohim, dir zum Erbteil gibt.
Erklärung:
Die Tora beschreibt in diesen Versen eine Situation, die oft missverstanden wird: Es geht nicht um eine Kreuzigung, sondern um einen symbolischen Akt des öffentlichen Hängens nach der Hinrichtung. Der Mann wurde bereits getötet – nach rabbinischer Tradition durch Steinigung – und erst danach wird sein Körper kurzzeitig an ein Holz gehängt, um die Schwere seiner Tat sichtbar zu machen. Das Hebräische formuliert dies klar: וְהוּמָת וְתָלִיתָ אֹתוֹ עַל־עֵץ weHumat weTalita oto al-Ezt = wörtlich: „Er wird getötet, und du hängst ihn an ein Holz.“
Das Hängen ist also nicht die Todesart, es ist eine öffentliche Markierung der Schuld.
Doch dieser symbolische Akt darf nicht über Nacht fortgesetzt werden. Die Mischna (Sanhedrin 6, 4) erklärt, warum: Das öffentliche Hängen eines Menschen – selbst eines Schuldigen – ist eine Entwürdigung des göttlichen Ebenbildes, das jeder Mensch trägt. Der Körper wird wie ein Objekt zur Schau gestellt, und damit wird nicht nur der Mensch entwürdigt, sondern auch Elohim selbst, dessen Ebenbild er trägt.
Hier entfaltet sich die Bedeutung des Ausdrucks קִלְלַת אֱלֹהִים kilelat-Elohim. Das Wort ‚kilela‘ ist eine Form von klala קְלָלָה = „Fluch“. Doch im Kontext bedeutet es nicht, dass Elohim den Menschen verflucht hätte. Vielmehr beschreibt es die Wirkung des Bildes, das man öffentlich zeigt: Der Gehängte ist ein „Fluch Elohims“ in dem Sinne, dass seine entwürdigende Darstellung das Ebenbild Elohims herabsetzt. Es ist eine Entwürdigung, nicht ein göttlicher Fluch.
Darum folgt die starke hebräische Anweisung: קָבוֹר תִּקְבְּרֶנּוּ kavor‑tikbrenu wörtlich: “begraben, du sollst ihn begraben“, also: „du sollst ihn unbedingt begraben“. Die doppelte Verbform ist eine hebräische Intensivierung: ein unbedingtes, unverzügliches Gebot. Der Körper muss noch am selben Tag begraben werden.
Die Tora begründet dies weiter: Ein über Nacht hängender Körper verunreinigt das Land. Das verwendete Wort טָמֵא tame bedeutet nicht nur „rituell unrein“, es beschreibt einen Zustand, der nicht mehr zu Elohims Gegenwart passt. Israel ist ein Volk, das im heiligen Raum des Landes lebt; das Land „reagiert“ auf moralische Verzerrungen. Die Tora nennt mehrere Beispiele: Blutvergießen, Götzendienst, sexuelle Perversion – und auch Grausamkeit, die als Gerechtigkeit ausgegeben wird.
Wenn der Gehängte über Nacht hängen bleibt, geschieht genau das: Der symbolische Akt wird zur Grausamkeit, die Elohim nicht geboten hat. Die Würde des Menschen wird verletzt, das Ebenbild Elohims entwürdigt, die Gerechtigkeit verzerrt – und das Land verliert damit seine geistliche Reinheit.
Darum lautet die mizwa: Begrabe ihn unbedingt am selben Tag. Nur so bleibt die Ordnung der Gerechtigkeit gewahrt, und das Land, das Elohim seinem Volk zum Erbteil gegeben hat, bleibt rein.
2. – die mizwa keine Kleidung aus Mischgewebe herzustellen, 5. Mo. 22, 11;
V11) Du sollst kein Mischgewebe שַׁעַטְנֵז scha’atnes tragen – also [kein Gewebtes], in dem Wolleצֶמֶר zemer und Leinen פִשְׁתִּים pischtim zusammen verarbeitet sind.
Erklärung:
Das hebräische Wortשַׁעַטְנֵז schaʿatnes ist ein sehr ungewöhnliches hebräisches Wort. Es kommt in der gesamten Tora nur an dieser Stelle vor. Es weist eine besondere Form vor, die nicht wie eine normale hebräische Wurzel aufgebaut ist. Schon dieser Umstand macht es philologisch bemerkenswert. Die rabbinische Tradition erklärt, dass שַׁעַטְנֵז scha‘atnes ein Mischwort ist, das aus mehreren sprachlichen Schichten zusammengesetzt ist. Die Weisen sagen ausdrücklich: „שַׁעַטְנֵז scha‘atnes ist ein zusammengesetztes Wort.“
Tatsächlich lassen sich darin drei hebräische Wurzeln erkennen, die alle mit Vermischung, Verflechtung und Pressung zu tun haben:
- שָׁעַט schaʿat – „verflechten, verweben, durcheinanderbringen“
- עָטַז atas – „stark pressen, zusammenpressen, fest verbinden“
- נָז nas – „sich entfernen, abweichen, etwas Fremdes hineinbringen“
Aus dieser Dreifachstruktur ergibt sich die rabbinische Deutung: שַׁעַטְנֵז Scha’atnes bedeutet etwas gepresstes, verflochtenes, künstlich vermischtes – also eine Zwangsmischung.
Die Tora selbst erklärt, was damit gemeint ist: „Du sollst kein schaʿatnes tragen – d. h. keine Wolle und Leinen zusammen.“
Damit bezeichnet שַׁעַטְנֵז einen Stoff, in dem Wolle צֶמֶר und Leinen פִּשְׁתִּים nicht einfach gemischt, sondern mechanisch miteinander verbunden wurden: verflochten, gepresst, zusammengezwungen.
Es geht also nicht um irgendeine Mischung, vielmehr um eine künstliche Verbindung zweier Stoffbereiche, die Elohim in der Schöpfung getrennt angelegt hat:
- Wolle = tierisch
- Leinen = pflanzlich
Diese mizwa gehört zu den חֻקִּים chukkim, den Geboten ohne erkennbare rationale Erklärung. Die Rabbiner betonen, dass שַׁעַטְנֵז keine moralische, soziale oder hygienische Vorschrift ist, es ist ein Gehorsamsgebot: Israel soll es halten, weil Elohim es gegeben hat, nicht weil der menschliche Verstand es begreifen kann. Die einzige rabbinische Beobachtung lautet, dass hier zwei Schöpfungsbereiche künstlich vermischt werden – doch die Weisen betonen ausdrücklich: „Dies ist keine Erklärung, sondern nur eine Beobachtung.“ Die mizwa bleibt ein chok.
So ergibt sich die philologische Tiefenbedeutung: Scha‘atnes שַׁעַטְנֵז beschreibt eine erzwungene, künstliche Vermischung, die die von Elohim gesetzten Grenzen verwischt. Die Tora verbietet das Tragen eines solchen Stoffes, nicht weil es eine praktische oder moralische Gefahr gäbe, sondern weil es ein Gebot ist, das den Menschen lehrt, die göttliche Ordnung zu respektieren – auch dort, wo der Verstand keine Erklärung findet.
Die Mischung von Wolle und Leinen war in den meisten Kulturen unbekannt oder technisch kaum praktikabel. Naturvölker mischten Materialien, die sich ähnlich verhielten, aber Wolle und Leinen wurden fast nie zusammen verarbeitet. Israel ist die einzige Kultur, die diese Mischung nicht nur benennt, sondern ausdrücklich verbietet. Das zeigt: שַׁעַטְנֵז ist kein kulturelles Verbot, vielmehr ein göttliches Gebot, ein chok, das nicht aus der Umwelt Israels stammt, sondern eine eigene, von Elohim gesetzte Grenze markiert.
3.) die mizwa der zizit an den 4 Ecken des Gewandes, 5. Mo. 22, 12;
V12) Herauswachsende/Hervortretende גְּדִלִים gdilim (Fadenstränge) sollst du dir machen an den vier Flügeln (Zipfeln) deines Gewandes, mit dem du dich bedeckst/kleidest.
Erklärung:
Das hebräische Wort gedilim גְּדִלִים (Plural von gedil גְּדִיל) stammt aus der Wurzel גָּדַל gadal, die Wachstum, Hervorstehen und Hervorbringen bezeichnet. Ein gedil ist daher nicht einfach eine „Quaste“, sondern ein herauswachsender, sichtbar hervortretender Fadenstrang, ein verlängertes Gewebe, das sich vom Stoff abhebt. In 5. Mo. 22, 12 fordert die Tora solche hervortretenden Fadenstränge an den vier „Flügeln“ des Gewandes, mit dem man sich bedeckt — ein Bild, das das Gewand als schützende Hülle zeigt, aus der die gedilim wie Zeichen der Zugehörigkeit herauswachsen. Rabbinische Auslegung beschreibt sie als geflochtene, aus mehreren Fäden bestehende Stränge, die sichtbar und nicht verborgen sind; der Midrasch vergleicht sie mit Zweigen, die aus einem Baum wachsen. So wird gedilim zu einem poetischen, geistlichen Symbol: ein aus dem Gewand herauswachsendes Zeichen, das ins Auge springt und an die Verbindung zu Elohim erinnert.
4. – die mizwa der entehrten Jungfrau, 5. Mo. 22, 13 – 19;
V13) Wenn ein Mann eine Frau nimmt und zu ihr eingeht, und er beginnt sie (danach) zu hassen שָׂנֵא ssane, d. h. sie abzulehnen oder Abneigungen zu hegen.
V14) Darum erhebt er Anschuldigungen gegen sie, wodurch er sie in Verruf bringt. Er behauptet dann: ‚Diese Frau habe ich genommen, ich bin ihr nahe gekommen, und habe an ihr die Zeichen der Jungfräulichkeit aber nicht gefunden!‘
V15) Daraufhin sollen der Vater der jungen Frau und ihre Mutter die Zeichen der Jungfräulichkeit der jungen Frau nehmen und zu den Ältesten der Stadt, zum Tor, hinausbringen.
V16) Nun soll der Vater der jungen Frau zu den Ältesten sagen: ‚Ich habe meine Tochter diesem Mann zur Frau gegeben, doch er wendet sich von ihr ab (er hasst sie שָׂנֵא ssane, weil er Abneigungen gegen sie hegt).
V17) Und siehe, er erhebt Anschuldigungen gegen sie, indem er sagt: ‚Ich habe an deiner Tochter die Zeichen der Jungfräulichkeit nicht gefunden.‘ Hier aber sind die Zeichen der Jungfräulichkeit meiner Tochter.‘ Sie sollen dann das Tuch vor den Ältesten der Stadt ausbreiten.
V18) [In der Folge dieses Beweisstückes] sollen die Ältesten jener Stadt den Mann nehmen und ihn bestrafen (wörtlich: züchtigen).
V19) Sie sollen ihm eine Geldbuße von hundert Schekel Silber (damals: Gewichtseinheit) auferlegen und sie dem Vater der jungen Frau geben, weil er eine Jungfrau in Israel in Verruf gebracht hat. Sie soll [weiterhin] seine Frau bleiben und er darf sie sein Leben lang nicht entlassen.
Erklärung:
Der Abschnitt in 5. Mose 22, 13–19 beschreibt keinen gewöhnlichen ehelichen Konflikt, sondern eine öffentliche Verleumdung. Ein Mann erhebt nach der ersten Intimität den Vorwurf, seine junge Frau sei keine Jungfrau gewesen. Damit zerstörte er ihren Ruf, die Ehre ihrer Familie und ihre Zukunft. Die Tora reagiert darauf mit einem Schutzgesetz, das die Frau vor Rufmord und willkürlicher Verstoßung bewahren soll.
Um diesen Vorgang richtig zu verstehen, ist ein historischer Punkt entscheidend: Die Hochzeitsnacht fand im Haus der Eltern der Braut statt. Die erste Intimität geschah nicht im eigenen Haushalt des Mannes, sondern im Elternhaus der jungen Frau, oft in einem eigens vorbereiteten Raum oder Zelt. Das war im gesamten altorientalischen Raum üblich und diente dem Schutz der Frau.
Aus diesem Grund befand sich das Tuch der Hochzeitsnacht – das Beweisstück der Jungfräulichkeit – im Besitz der Eltern. Die Mutter verwahrte es bewusst, um die Tochter im Falle einer falschen Anschuldigung schützen zu können. Das Tuch war kein voyeuristisches Detail, vielmehr ein rechtlicher Schutzmechanismus: Ein Beweis, der die junge Frau vor Rufmord, sozialer Ächtung und ungerechter Scheidung bewahrte.
Wenn der Mann nun behauptete, er habe „die Zeichen der Jungfräulichkeit nicht gefunden“, brachten die Eltern das Tuch zu den Ältesten der Stadt, die am Tor Gericht hielten. Dort wurde der Vorwurf öffentlich geprüft. Wurde die Anschuldigung widerlegt, traf die Strafe den Mann bewußt hart: Er musste 100 Schekel Silber zahlen – eine ruinierende Summe, die etwa acht bis zehn Jahreslöhnen eines einfachen Arbeiters entsprach. Damit wurde er öffentlich gezüchtigt und bloßgestellt..
Zudem verlor er dauerhaft das Recht, sich von der Frau zu trennen. Die Tora aber kehrt die Situation hier um: Der Mann wollte sie loswerden, doch nun bleibt er lebenslang an sie gebunden; er wollte sie entehrt zurücklassen, nun muss er sie ehren und schützen; er wollte sie finanziell ruinieren, nun trägt er ihre Versorgung; er wollte sie sozial isolieren, nun muss er sie einbinden und Verantwortung übernehmen. Jetzt musste er die Last tragen, die er ihr auferlegen wollte. Die Frau hingegen erhielt Schutz, Ehre und Sicherheit.
So zeigt die Tora eine tiefe Logik: Wer eine Jungfrau in Israel öffentlich entehrt, muss die Folgen selbst tragen. Die Strafe trifft den Täter, nicht das Opfer.
Seid alle reich gesegnet, Schabbat Schalom!
(Da diese Angaben gemacht werden müssen, gebe ich hier wieder den Vermerk: die Bilder als auch Teile des Textes wurden mit Hilfe der KI erstellt)
- Rosch haSchana und Jom-Trua - 11. September 2026
- Parascha ‚haAsinu‘ הַאֲזִינוּ = „horchet auf (ihr Himmel)“ - 9. September 2026
- Doppel-Parascha ‚nizavim‘ נִצָּבִים = (“ihr seid [vor den Ewigen] getreten!”) und ‘waJelech’ וַיֵּלֶךְ= „und er ging (hin)“ - 3. September 2026


Dirk
21. August 2026 @ 7:45
“Du sollst kein Mischgewebe שַׁעַטְנֵז scha’atnes tragen – also [kein Gewebtes], in dem Wolleצֶמֶר zemer und Leinen פִשְׁתִּים pischtim zusammen verarbeitet sind.”
Wie ist das heute, wo viel Kleidung aus Wolle, Baumwolle und Synthetik besteht?
matti
28. August 2026 @ 9:53
Lieber Dirk,
nach halachischer Definition ist שַׁעַטְנֵז (shaatnez) ausschließlich die Kombination von Wolle (צֶמֶר) und Leinen (פִשְׁתִּים) in einem Kleidungsstück.
Baumwolle, synthetische Fasern, Polyester, Viskose, Acryl, Nylon, Seide, Kaschmir, Alpaka usw. sind halachisch völlig unproblematisch, solange kein Leinen mit Wolle kombiniert wurde.
Ich hoffe, das stellt Dich zufrieden diese Antwort.
Viele Grüße
Entschuldigung: ich habe nicht mitbekommen, dass es inzwischen sogar sehr viele Fragen gibt. Deswegen die Antworten mit verzögerung.
Matti